Picasso. Druckgrafik als Experiment

3. APRIL BIS 30. JUNI 2019
Städel Museum, Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung

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Pressetexte

PRESSEINFORMATION

Pablo Picasso (1881–1973) gilt als Inbegriff des modernen Künstlergenies. Mit unermüdlicher Kreativität und Schaffenskraft bediente er sich scheinbar mühelos aller Gattungen, Techniken und Materialien. Vom 3. April bis 30. Juni widmet sich die Graphische Sammlung des Städel Museums mit der Ausstellung „Picasso. Druckgrafik als Experiment“ speziell dem druckgrafischen Œuvre des Künstlers. Präsentiert werden mehr als 60 Werke Picassos aus dem Bestand der Graphischen Sammlung, ergänzt durch einzelne Leihgaben aus dem Museum Ludwig, Köln, und aus Privatbesitz. Die Auswahl lässt Picassos gesamte druckgrafische Entwicklung von den frühen Pariser Jahren bis in sein Spätwerk anschaulich werden.
Ob Radierung, Kaltnadel, Lithografie oder Linolschnitt, mit nie schwindender Neugier und Virtuosität eignete sich Picasso unterschiedlichste druckgrafische Verfahren an und befragte auf immer neue, experimentelle Weise das einmal Gefundene. Die Ausstellung ist nach den verschiedenen Drucktechniken gegliedert, die immer auch eng mit der Biografie des Künstlers verknüpft sind. Die grafische Folge Suite Vollard, die Picasso zwischen 1930 und 1937 schuf und mit der er die Vielfalt der Tiefdruck-Verfahren in Gänze künstlerisch ausschöpfte, erhält einen eigenen Abschnitt in der Ausstellung.

„Das Städel Museum bewahrt in seinem Bestand ein exzeptionelles Konvolut an Druckgrafik von Picasso. Nicht ohne Grund gehört die Graphische Sammlung des Städel zu den bedeutendsten Sammlungen ihrer Art in Deutschland. Mit der Ausstellung ‚Picasso. Druckgrafik als Experiment‘ präsentieren wir nun eine Auswahl dieser herausragenden Werke aus der Hand Picassos, die aufgrund ihrer empfindlichen Beschaffenheit nicht dauerhaft gezeigt werden können. Für unsere Besucherinnen und Besucher ist das eine besondere, wenn nicht sogar einmalige Gelegenheit“, so Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums.

„Insbesondere das druckgrafische Werk legt Zeugnis von Picassos schöpferischer Kraft ab. Die schwierigen technischen Verfahren verlangen vom Künstler große Sorgfalt bei seiner Arbeit, zugleich zeigen uns die Blätter aber auch Picassos oft spielerischen Wagemut im Umgang mit neuen Medien und seine immerwährende Freude am Experiment“, erläutert die Kuratorin der Ausstellung, Theresa Nisters.

Frühwerk
Die Ausstellung beginnt mit einem Hauptwerk aus dem druckgrafischen Œuvre Picassos, dem großformatigen und bildmäßig ausgearbeiteten Blatt Le Repas frugal (Das karge Mahl) aus dem Jahr 1904. Der Künstler – eben in Paris niedergelassen – widmete sich der Druckgrafik erstmals ausgiebig in der Technik der Radierung und schuf auf Anhieb ein Meisterwerk. Le Repas frugal entstand am Wendepunkt von Picassos Blauer zur Rosa Periode, in der er sich motivisch zunehmend dem Universum des Zirkus zuwandte. Die dargestellten Akrobaten und Harlekine dienten ihm dabei als Sinnbild für die prekäre, gewissermaßen „heimatlose“ Stellung des Künstlers in seiner Zeit.
Wie Le Repas frugal ist die ein Jahr später entstandene Radierung Salomé, 1905, nicht in eine für die Radiertechnik klassische Kupfer-, sondern in eine Zinkplatte geritzt, die zudem Kratzer und Spuren früherer Benutzung zeigt. Die Tatsache, dass Picasso dieselbe Platte mehrmals verwendete, wurde einerseits häufig als Indiz für seine angespannte finanzielle Lage zu jener Zeit gedeutet. Andererseits demonstrierte er seine bereits im Alter von 24 Jahren ausgeprägte Könnerschaft, indem er die vorhandenen Schraffen und Verfärbungen virtuos in die neue Komposition integrierte.

Suite Vollard
Der zentrale Mittelraum der Ausstellungshalle zeigt eine exemplarische Auswahl von 23 Blättern aus der Suite Vollard, darunter die meisterhafte Mezzotinto-Arbeit Minotaure aveugle guidé par une Fillette dans la Nuit (Der blinde Minotaurus von einem Mädchen durch die Nacht geführt) aus dem Jahr 1934. Die insgesamt 100 Radierplatten der zwischen 1930 und 1937 geschaffenen Serie entstanden in einer turbulenten Zeit im Leben des damals 50-jährigen Künstlers, der sich von seiner Ehefrau Olga Kokhlova trennte und eine Beziehung zur jungen Marie-Thérèse Walter führte. Diese Erfahrungen verarbeitete Picasso in der druckgrafischen Serie. Sie umfasst zentrale und wiederkehrende Sujets in Picassos Œuvre: das Verhältnis von Künstler, Modell und Kunstwerk, Szenen aus dem Atelier des Bildhauers, der Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau sowie der Mythos vom Minotaurus. Die Bedeutung der Suite besteht jedoch nicht nur in ihrem thematischen, sondern auch in ihrem technischen Spektrum. Erstmals schöpfte Picasso hier die ganze Bandbreite des Tiefdrucks aus. Durch die Begegnung mit dem Pariser Drucker Roger Lacourière Ende 1934 hatte er neue Techniken wie die Aquatinta, das Mezzotinto oder das Zuckeraussprengverfahren kennengelernt, deren malerisch-flächige Effekte dem grafischen, klaren Lineament der Radierungen kontrastreich gegenüberstehen. Die Suite Vollard belegt damit Picassos außergewöhnliches handwerkliches Geschick und seine große Experimentierfreude.

Sueño y mentira de Franco (Traum und Lüge Francos)
Als Picasso im Jahr 1937 die Suite Vollard abschloss, hatte er bereits mit der Arbeit an einer anderen Radierfolge unter dem Titel Sueño y mentira de Franco (Traum und Lüge Francos) begonnen. Nachdem im Sommer 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausgebrochen war, bat Anfang des Jahres 1937 eine Gruppe spanischer Delegierter den berühmten Künstler um einen Beitrag für den spanischen Pavillon auf der im Sommer stattfindenden Pariser Weltausstellung. Unverzüglich begann Picasso mit der Arbeit an dem Radierzyklus Traum und Lüge Francos, lehnte den Auftrag für ein großformatiges Gemälde jedoch ab. Als am 26. April 1937 die baskische Kleinstadt Gernika durch einen Luftangriff der nationalsozialistischen Legion Condor und des italienischen Corpo Truppe Volontarie zerstört wurde, änderte der spanische Künstler seine Meinung und schuf unter dem Eindruck des Schreckens innerhalb kürzester Zeit das Monumentalwerk Guernica (1937, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid). Nach Vollendung des Gemäldes setzte Picasso seine Arbeit an den beiden Radierplatten von Traum und Lüge Francos fort. Anders als ursprünglich vorgesehen, wurden deren Einzelbilder schließlich nicht für separate Postkartenmotive auseinandergeschnitten, sondern zusammen mit einem selbstverfassten Gedicht des Künstlers in einer von ihm gestalteten Umschlagmappe zugunsten der republikanischen Regierung Spaniens auf der Weltausstellung verkauft. Anlässlich der aktuellen Schau hat die Graphische Sammlung ein seltenes Exemplar des vollständigen Mappenwerks als großzügige Schenkung erhalten und kann dieses zusammen mit den beiden aus dem Kölner Museum Ludwig geliehenen Druckplatten in der Ausstellung präsentieren.

Lithografien
Im linken Seitenflügel der Ausstellungshalle wird Picassos lithografisches Werk vorgestellt. Nachdem die verschiedenen Techniken des Tiefdrucks sein druckgrafisches Schaffen für fast 50 Jahre beherrscht hatten, widmete sich der Künstler nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erstmals ernsthaft einem anderen Verfahren, der Lithografie. Der Künstler eignete sich die Möglichkeiten des Flachdrucks sehr schnell an und schöpfte dessen Variantenreichtum in einer Vielzahl von Arbeiten aus. Für über ein Jahrzehnt dominierte die Lithografie daraufhin seine Druckgrafik. Die Motive dieser Zeit sind fröhlich und zeigen Darstellungen seiner Lebensgefährtinnen, des Stierkampfs sowie antikisierender Bacchanten, Faune und Satyrn. Dabei experimentierte Picasso mit unüblichen Werkzeugen wie Schabern und Kratzeisen und dem Gebrauch unkonventioneller Lösungsmittel zur Vorbereitung des Druckprozesses. Der Künstler versuchte sich zudem in unterschiedlichen Verfahren des Umdrucks und verwendete insbesondere nach seinem Umzug an die Côte d’Azur Ende der 1940er-Jahre neben dem herkömmlichen Lithostein auch leichter transportierbare Zinkplatten als Druckstöcke.

Linolschnitte
Im gegenüberliegenden Seitenflügel der Ausstellungshalle schließen die farbintensiven Linolschnitte aus Picassos Spätwerk die Ausstellung ab. Von 1954 an widmete er sich dieser Hochdrucktechnik, die bis dahin kein Renommee als künstlerisches Medium besessen hatte. Der inzwischen über 70-jährige Künstler verhalf dem Linolschnitt zu einer ungeahnten Blüte – in nur zehn Jahren entstanden aus seiner Hand mehr als 200 Werke. Der Linolschnitt erlaubte es Picasso, Bildmotive aus großen, strahlenden Farbflächen zu gestalten, wobei er eigene, innovative Vorgehensweisen entwickelte. Für das jüngste Blatt der Ausstellung, L’Étreinte II (Die Umarmung), 1963, entwickelte Picasso ein vollkommen neuartiges Linolschnitt-Verfahren, bei dem es ihm gelang, die technischen Eigenheiten von Hoch-, Tief- und Flachdruck eindrucksvoll zusammenzuführen. Somit resümiert L’Étreinte II anschaulich die Experimentierfreude des Künstlers im Umgang mit den druckgrafischen Verfahren.

PICASSO. DRUCKGRAFIK ALS EXPERIMENT

Ausstellungsdauer: 3. April bis 30. Juni 2019

Kuratorin: Dr. Theresa Nisters (Städel Museum)
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Information: www.staedelmuseum.de
Besucherservice und Führungen: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de

Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do + Fr 10.00–21.00 Uhr, montags geschlossen
Sonderöffnungszeiten (10.00–18.00): Fr, 19.4., So, 21.4., Mo, 22.4., Mi, 1.5., Do, 30.5. So, 9.6., Mo, 10.6., Do, 20.6.

Eintritt: Sa, So + Feiertage 16 Euro, ermäßigt 14 Euro, Di – Fr 14 Euro, ermäßigt 12 Euro; Familienkarte 24 Euro; freier Eintritt für Kinder unter 12 Jahren; Gruppen ab 10 regulär zahlenden Personen: ermäßigter Eintrittspreis pro Person. Für Gruppen ist vorab eine Anmeldung unter Telefon +49(0)69-605098-200 oder info@staedelmuseum.de erforderlich.
Kartenvorverkauf: shop.staedelmuseum.de

Überblicksführungen durch die Ausstellung: Freitags 19.00 Uhr (außer 19.4.), sonntags 14.00 Uhr sowie Freitag, 19.4. und Montag, 22.4. 14.00 Uhr
Die Teilnahme ist im Eintrittspreis enthalten.

Social Media: Das Städel Museum kommuniziert die Ausstellung in den sozialen Medien mit den Hashtags #staedel und #picasso

Wandtexte

EINFÜHRUNG
Pablo Picasso gilt als Inbegriff des modernen Künstlergenies. Mit unermüdlicher Kreativität und Schaffenskraft bediente er sich scheinbar mühelos aller künstlerischen Gattungen, Techniken und Materialien. Als ausgebildeter Maler eignete er sich im Laufe seines Lebens verschiedene druckgrafische Techniken eigenständig an, erkundete deren Möglichkeiten und fand im Experiment oft neue Lösungen. Die Druckgrafik wurde dabei für ihn ein der Malerei und Skulptur gleichwertiges künstlerisches Ausdrucksmittel.
Die Ausstellung zeigt mit mehr als sechzig Radierungen, Lithografien und Linolschnitten eine Auswahl aus dem Bestand der Graphischen Sammlung des Städel Museums, ergänzt durch einige Leihgaben aus dem Museum Ludwig, Köln, sowie aus Privatbesitz. Den jeweils unterschiedlichen druckgrafischen Verfahren, die immer auch mit Picassos Biografie in Zusammenhang stehen, sind die einzelnen Abschnitte der Ausstellung gewidmet. Sie zeigen die Vielfalt der druckgrafischen Techniken und machen Picassos experimentellen Zugriff augenfällig.

FRÜHWERK
Picasso hatte sich 1904 in Paris niedergelassen. Nun kämpfte der junge Spanier darum, sich in der weltweit führenden Kunstmetropole zu behaupten. Im gleichen Jahr beschäftigte er sich erstmals intensiv mit der Druckgrafik: Er wandte sich neben der Malerei dem klassischen Verfahren der Radierung zu und behandelte Themen, die ihn auch in seinen Gemälden beschäftigten. Szenen der Armut und aus der Zirkuswelt reflektieren das Außenseitertum des Künstlers in der Gesellschaft. Die filigranen Kompositionen sind Belege für Picassos Fähigkeit, intensive Stimmungen mit einfachen Mittel zu gestalten. Zur Zeit ihrer Entstehung wurde nur eine kleine Anzahl an Drucken hergestellt. Erst 1913, nachdem Picasso auf dem Kunstmarkt bereits bekannt geworden war, ließ sein Kunsthändler Ambroise Vollard 14 dieser Platten verstählen (eine Härtung durch einen chemischen Prozess, die mehr Abzüge von hoher Qualität ermöglicht) und veröffentlichte die Drucke als Serie Les Saltimbanques in einer Auflage von 250 Stück. Bereits 1914 erwarb das Städel Museum ein Exemplar dieser Folge.

SUITE VOLLARD
Ab 1930 schuf Picasso in wiederkehrenden Schüben Radierungen, die 1937 auf eine Anzahl von 100 Blatt komplettiert und von seinem Kunsthändler, Ambroise Vollard, als Suite Vollard verlegt wurden. Die Entstehung der Serie ging einher mit einem Einschnitt im Leben Picassos, der Trennung des 50-jährigen Künstlers von seiner Ehefrau Olga Kokhlova und seiner Beziehung zur jungen Marie-Thérèse Walter. Seine Situation verarbeitete er in verschiedenen Themenkreisen der Suite Vollard wie "Der Bildhauer und sein Modell" oder dem "Minotaurus", einem selbst gewählten Alter Ego. Dabei nimmt die Frage nach dem Selbstbild des Künstlers und seinem Verhältnis zum eigenen Schaffen eine zentrale Rolle ein.
Die Begegnung mit dem Pariser Drucker Roger Lacourière Ende 1934 führte dazu, dass Picasso mit verschiedenen neuen Techniken der Radierung, wie der Aquatinta, dem Mezzotinto oder dem Zuckeraussprengverfahren, experimentierte. Ihre malerisch-flächigen Effekte stehen dem grafischen, klaren Lineament der Radierungen kontrastreich gegenüber. Die Ausstellung zeigt aus der Suite Vollard eine exemplarische Auswahl von 23 Blättern, darunter die meisterhafte Mezzotinto-Arbeit Der blinde Minotaurus von einem Mädchen durch die Nacht geführt.

LITHOGRAFIEN
Bereits in den 1920er Jahren hatte Picasso sich kurzzeitig mit der Lithografie beschäftigt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs weckte die Begegnung mit dem Pariser Drucker Fernand Mourlot erneut sein Interesse für diese druckgrafische Technik. Für über ein Jahrzehnt dominierte sie daraufhin sein grafisches Schaffen. Sehr schnell eignete sich der Künstler den Variantenreichtum des Flachdrucks an und schöpfte ihn in einer Vielzahl von Arbeiten aus. Mit Feder, Pinsel und Kreide erzielte Picasso sowohl linear-grafische als auch malerische Effekte. Dabei experimentierte er mit unüblichen Werkzeugen wie Schaber und Kratzeisen sowie dem Gebrauch unkonventioneller Lösungsmittel zur Vorbereitung des Druckprozesses. Die Kunstdrucker aus Mourlots Werkstatt berichteten mehrfach, wie sehr ihre Fähigkeiten durch Picassos ungewöhnliche Vorgehensweise auf die Probe gestellt sahen. Der Künstler versuchte sich auch in unterschiedlichen Verfahren des Umdrucks und verwendete insbesondere nach seinem Umzug an die Côte d’Azur Ende der 1940er Jahre neben dem herkömmlichen Lithostein auch leichter transportierbare Zinkplatten als Druckstöcke.

LINOLSCHNITTE
1954 lernte Picasso durch Zufall den auf Linolschnitte spezialisierten Drucker Hidalgo Arnéra aus Vallauris kennen. Ihre erste Zusammenarbeit fand anlässlich einiger Plakate für Stierkämpfe statt. In der Folge vertiefte sich der über 70-jährige Künstler in die Technik und verhalf ihr zu einer ungekannten Blüte. Der Linolschnitt erlaubte es Picasso, Bildmotive aus großen, strahlenden Farbflächen zu gestalten, wobei er eigene neue Verfahren entwickelte. Besonders interessierte ihn das Prinzip der „verlorenen Platte“: Hierbei wird eine einzige Druckplatte kontinuierlich weiter beschnitten und die Zwischenzustände werden in verschiedenen Farben auf denselben Bogen Papier übereinander gedruckt. Picassos Linoldrucke sind das Ergebnis höchster Präzision und Konzentration, mit denen der Künstler jeden Arbeitsschritt vorausschauend kalkulieren musste. 1962 schrieb Felix Brunner in seinem Handbuch der Druckgraphik: „Noch vor kurzer Zeit wäre es dem Verfasser schwer gefallen, ein überzeugendes Bespiel eines Linolschnittes zu zeigen. Nun hat aber Pablo Picasso eine ganze Folge schöner, mehrfarbiger Linolschnitte geschaffen[…], die in der Geschichte der Druckgraphik einen wichtigen Platz einnehmen werden.“

TRAUM UND LÜGE FRANCOS
Von 1936 bis 1939 wütete in Spanien der Bürgerkrieg. Portugal, das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland unterstützten die Militärs unter der Leitung General Francos im Kampf gegen die demokratisch gewählte, sozialistische Regierung Spaniens.
Nachdem Picasso von der republikanischen Regierung im Herbst 1936 zum ehrenamtlichen Direktor des Museo del Prado in Madrid ernannt worden war, suchte ihn Anfang des Jahres 1937 eine Gruppe spanischer Delegierter in seinem Pariser Atelier auf. In Hinblick auf die im Sommer 1937 stattfindende Pariser Weltausstellung bat sie den berühmten Künstler, einen Beitrag für den spanischen Pavillon zu gestalten. Spontan begann Picasso mit der Arbeit an dem Radierzyklus Traum und Lüge Francos. Seine ursprüngliche Konzeption sah dabei vor, die einzelnen Bildfelder auseinanderzuschneiden und als Postkarten im Pavillon zu verkaufen. Den Auftrag für ein großformatiges Gemälde lehnte Picasso zunächst ab, begann dann jedoch im April mit einigen Skizzen zum Thema „Der Künstler und sein Modell“.
Als am 26. April 1937 die baskische Kleinstadt Gernika durch einen Luftangriff der nationalsozialistischen Legion Condor und des italienischen Corpo Truppe Volontarie dem Erdboden gleichgemacht wurde, ließ Picasso von dieser Idee ab. Unter dem Eindruck der Zerstörung schuf er innerhalb kürzester Zeit sein Monumentalwerk Guernica (Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía).
Nach Vollendung des Gemäldes setzte Picasso seine Arbeit an den beiden Radierplatten von Traum und Lüge Francos fort. Dabei änderte er die Thematik: An die Stelle der grotesken Karikatur des Generals tritt in den letzten Bildfeldern der zweiten Platte die verzweifelte Gestalt einer weinenden Frau und ihres toten Kindes.

Die Arbeit an den beiden Radierplatten von Traum und Lüge Francos erfolgte in zwei Etappen: Am 8. Januar 1937 stellte Picasso die erste Platte in der Technik der Ätzradierung fertig. Nachdem er einige Probeabzüge genommen hatte, überarbeitete er diesen ersten Zustand mit dem Zuckeraussprengverfahren, das die bisher grafische Linienzeichnung flächig ergänzte. Noch am selben Tag legte der Künstler neun Bildfelder auf der zweiten Platte an, füllte am 9. Januar davon jedoch nur fünf Kompartimente szenisch aus und ätzte die Platte. Danach überarbeitete Picasso auch die zweite Platte mit der genannten Aquatintatechnik sowie mithilfe eines Schabers. Erst am 7. Juni setzte der Künstler seine Arbeit an der zweiten Platte fort. An diesem Tag füllte Picasso die vier übriggebliebenen Bildfelder der zweiten Platte und wechselte dabei sein bisheriges Figurenrepertoire. In der Zwischenzeit hatte er das Gemälde Guernica vollendet, in dem er die Schrecken des spanischen Bürgerkrieges verarbeitete. Die beiden Radierungen von Traum und Lüge Francos bedeuten somit zugleich eine Vorbereitung für das Monumentalgemälde als auch eine nachträgliche Reflexion desselben.

BIOGRAFIE
1881 Am 25. Oktober wird Pablo Picasso als Sohn des Malers José Ruiz Blasco und dessen Frau María Picasso López in Málaga geboren.
1896 Aufnahme in die Kunstschule La Lonja, Barcelona, ein Jahr später Wechsel an die Academia San Fernando, Madrid.
1899 Entstehung der ersten Radierung, El Zurdo.
1900 Erste Reise nach Paris in Begleitung von Carlos Casagemas.
1901 Picasso verarbeitet Casagemas‘ Selbstmord in der sogenannten „blauen Periode“, er beginnt mit dem Familiennamen seiner Mutter, „Picasso“, zu signieren. Im Sommer erste Ausstellung in Paris, bei Ambroise Vollard.
1904 Endgültige Übersiedlung nach Paris. Picasso bezieht ein Atelier im „Bateau-Lavoir“, Montmartre. Zum dortigen Freundeskreis zählen unter anderem Juan Gris, Henri Matisse, Marie Laurencin, Max Jacob und Guillaume Apollinaire. Entstehung seiner zweiten Radierung, Le Repas Frugal.
1905 Beginn der „rosa Periode". Radierungen mit Motiven der Zirkuswelt entstehen. Neben der Ätzradierung verwendet Picasso nun auch die Technik der Kaltnadelradierung. Eugène Delâtre fertigt wenige Abzüge der unverstählten Platten an.
1907 Fertigstellung des Gemäldes Les Demoiselles d’Avignon und Beginn der kubistischen Arbeiten.
Picasso erwirbt eine kleine Handpresse, um eigenständig Abzüge seiner Druckplatten herstellen zu können.
1913 Nachdem sich Picassos internationale Anerkennung gefestigt hat, veröffentlicht Ambroise Vollard 14 Radierungen aus den Jahren 1904 bis 1905 als Serie Les Saltimbanques, gedruckt von Louis Fort.
1918 Hochzeit mit Olga Kokhlova, aus der Ehe geht der Sohn Paulo hervor.
1927 Begegnung mit Marie-Thérèse Walter. Erste Radierungen zum Thema „Der Künstler und sein Modell“.
1930 Picasso erwirbt das Schloss Boisgeloup bei Gisors, wo er eine Reihe von Kopfskulpturen in Gips realisiert, denen Marie-Thérèse als Vorlage dient.
Erste Radierungen von Frauenakten der späteren Suite Vollard.
1933 In einem einzigartigen Schaffensdrang entstehen in wenigen Monaten 40 Platten zum Thema „Das Atelier des Bildhauers“, 11 Platten zum „Minotaurus“ und 5 Platten zum Motiv der „Vergewaltigung“ der Suite Vollard.
1934 Beginn der Zusammenarbeit mit Roger Lacourière, der Picasso in das Zuckeraussprengverfahren und die Arbeit mit dem Stichel einführt.
1935 Picasso und Olga trennen sich. Marie-Thérèse bringt die gemeinsame Tochter Maya zur Welt.
1937 Abschluss der Suite Vollard mit drei Porträts des Verlegers.
Ab dem 8. Januar arbeitet Picasso an der zweiteiligen Radierung Traum und Lüge Francos, die er nach Vollendung seines Monumentalwerks Guernica am 7. Juni abschließt.
1945 Im November Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Lithografen Fernand Mourlot.
1946-1953 Zusammen mit Françoise Gilot und den gemeinsamen Kindern, Claude und Paloma, lebt Picasso größtenteils an der Côte d’Azur. Druckgrafisch beschäftigt er sich mit der Lithografie.
1954 Beginn der Beziehung mit Jacqueline Roque.
Picasso lernt den Drucker Hidalgo Arnéra kennen. Der Linolschnitt beherrscht daraufhin sein druckgrafischen Schaffen bis 1964.
1973 Am 8. April verstirbt Pablo Picasso in Mougins.


Pressebilder

Pablo Picasso (1881-1973)
Le Repas frugal (Das karge Mahl), 1904; Abzug 1913
aus der Folge Les Saltimbanques
Radierung auf Van Gelder-Velinpapier
610 x 466 mm (Blatt); 463 x 377 mm (Platte)
Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung
Foto: Städel Museum
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Pablo Picasso (1881-1973), Le Repas frugal (Das karge Mahl), 1904; Abzug 1913

Pablo Picasso (1881-1973)
Sculpteur et son modèle se regardant dans un miroir calé sur un autoportrait sculpté (Bildhauer und Modell, das sich in einem an einer Kopfskulptur lehnenden Spiegel betrachtet), 1933; Abzug 1939
Blatt 69 aus der Folge Suite Vollard
Radierung auf Montval-Vergépapier
44,7 x 33,7 cm (Blatt); 36,9 mm x 29,6 cm (Platte)
Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung
Foto: Städel Museum
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Pablo Picasso (1881-1973), Sculpteur et son modèle se regardant dans un miroir calé sur un autoportrait sculpté, 1933; Abzug 1939

Pablo Picasso (1881-1973)
Minotaure aveugle guidé par une Fillette dans la Nuit (Der blinde Minotaurus von einem Mädchen durch die Nacht geführt), 1934, Abzug 1939
Radierung und Aquatinta auf Vergépapier, 24,7 x 34,7 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung
Foto: Städel Museum
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Pablo Picasso (1881-1973), Der blinde Minotaurus von einem Mädchen durch die Nacht geführt, 1934, Abzug 1939

Pablo Picasso (1881-1973)
Buste Modern Style (Jugendstil-Büste), 1949
Pinsellithografie mit Gouache (Umdruck) auf Arches-Velinpapier, 65,5 x 49,8 cm (Blatt), 64,2 x 49,6 cm (Darstellung)
Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung
Foto: Städel Museum
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Pablo Picasso (1881-1973), Buste Modern Style (Jugendstil-Büste), 1949

Pablo Picasso (1881-1973)
Couple et Flûtistes au bord du Lac (Paar und Flötisten am Seeufer), 1959
Linolschnitt in fünf Farben von vier Platten: Crèmeweiß, Blau, Schwarz, Beige, Dunkelbraun auf Arches-Velinpapier
62,0 x 75,1 cm (Blatt); 52,9 x 63,6 cm (Platte)
Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung
Foto: Städel Museum
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Pablo Picasso (1881-1973), Couple et Flûtistes au bord du Lac (Paar und Flötisten am Seeufer), 1959

Pablo Picasso (1881-1973)
Jacqueline au chapeau noir (Jacqueline mit schwarzem Hut), 1962
Linolschnitt in vier Farben von einer Platte: Beige, Rot, Braun, Schwarz auf Velinpapier, 64,0 x 52,7 cm
Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung
Foto: Städel Museum
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Pablo Picasso (1881-1973), Jacqueline au chapeau noir (Jacqueline mit schwarzem Hut), 1962

Pablo Picasso (1881-1973)
Portrait de Jacqueline au chapeau de paille (Porträt von Jacqueline mit Strohhut), 1962
Linolschnitt in fünf Farben von zwei Platten: Grau, Gelb, Rot, Hellblau und Violett auf Arches-Velinpapier, 62,6 x 44,4 cm (Blatt)
Städel Museum, Frankfurt am Main, Graphische Sammlung
Foto: Städel Museum
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Pablo Picasso (1881-1973), Portrait de Jacqueline au chapeau de paille (Porträt von Jacqueline mit Strohhut), 1962

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"
Foto: Städel Museum

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"
Foto: Städel Museum

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"
Foto: Städel Museum

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"
Foto: Städel Museum

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"
Foto: Städel Museum

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"

Exhibition View "Picasso. Printmaking as Experiment"
Photo: Städel Museum

Exhibition View "Picasso. Printmaking as Experiment"

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"
Foto: Städel Museum

Ausstellungsansicht „Picasso. Druckgrafik als Experiment"
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Service


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Leitung Presse und Onlinekommunikation
rohde@staedelmuseum.de
+49(0)69-605098-170

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