Im Jahr 1845 war das Frankfurter Städel Museum das erste Kunstmuseum weltweit, das Fotografien ausstellte. Nur sechs Jahre zuvor wurde die Erfindung des neuen Mediums in Paris bekanntgegeben – ein Ereignis, das sich 2014 zum 175. Mal jährt. Mit „Lichtbilder. Fotografie im Städel Museum von den Anfängen bis 1960“ wird den wichtigsten Tendenzen der europäischen Fotokunst nun eine umfassende Sonderausstellung gewidmet, die an jene Ausstellungstradition anknüpft und die unlängst umfangreich erweiterten Fotobestände im Bereich Kunst der Moderne des Städel präsentiert. Neben Pionieren wie Nadar, Gustave Le Gray, Roger Fenton und Julia Margaret Cameron zeigt die Schau vom 9. Juli bis 5. Oktober 2014 Fotografie-Heroen des 20. Jahrhunderts wie August Sander, Albert Renger-Patzsch, Man Ray, Dora Maar oder Otto Steinert, lenkt den Blick aber auch auf fast vergessene Fotografen. Die Ausstellung gibt nicht nur einen Überblick über den Sammlungsbereich der frühen Fotografie im Städel und die Erwerbungen der letzten Jahre, sondern veranschaulicht zugleich die Geschichte des Mediums von seinen Anfängen bis 1960.
„Die Präsentation von künstlerischer Fotografie in einem Kunstmuseum erscheint uns noch relativ neu, und doch hat es im Städel ab 1845 bereits erste Fotoausstellungen gegeben. Es ist uns eine besondere Freude, auf diese Pioniertat hinzuweisen und mit der ,Lichtbilder‘-Ausstellung nun erstmals einen Einblick in unsere Sammlung früher Fotografie zu ermöglichen, die in den vergangenen Jahren mit Ankäufen und großzügigen Schenkungen entscheidend ausgebaut werden konnte“, so Max Hollein, Direktor des Städel.
Felix Krämer, einer der beiden Kuratoren der Schau, macht deutlich: „Mit ‚Lichtbilder‘ möchten wir zu einer intensiveren Beschäftigung mit der vielseitigen Geschichte des spannenden und auch heute noch oftmals unterschätzten Mediums Fotografie anregen.“
Die erste Erwähnung einer Fotoausstellung im Städel Museum erfolgte 1845 in Form einer Anzeige im Frankfurter „Intelligenz Blatt“, dem amtlichen Mitteilungsblatt der Stadt. Es handelt sich hierbei um die früheste bekannte Notiz über eine Fotoausstellung in einem Kunstmuseum weltweit. In dieser Ausstellung waren Porträtaufnahmen des heute nahezu vergessenen Frankfurter Fotografen Sigismund Gerothwohl zu sehen, der eines der ersten Fotoateliers der Stadt betrieb. Fotografien gehörten im Städel Museum, wie in vielen anderen Institutionen auch, zur Lehrsammlung: In den 1850er-Jahren begann der damalige Städel-Direktor Johann David Passavant, Fotografien für das Haus zu sammeln. Neben Kunstreproduktionen umfasste die Sammlung Genreszenen, Landschaften und Stadtveduten von namhaften Protagonisten der Fotografie wie Maxime Du Camp, Wilhelm Hammerschmidt, Carl Friedrich Mylius oder Giorgio Sommer. Eine Schau mit Ansichten von Venedig war 1852 die erste Fotografieausstellung aus dem eigenen Bestand.
Handelte es sich bei den Fotografien, die das Städel im 19. Jahrhundert ausstellte, um zeitgenössische Arbeiten, nimmt die Schau „Lichtbilder“ die Entwicklung der künstlerischen Fotografie in den Fokus. Ausgehend von den Fotobeständen des Museums, die durch die Erwerbungen bedeutender Konvolute von Uta und Wilfried Wiegand in 2011 sowie Annette und Rudolf Kicken in 2013 signifikant ausgebaut werden konnten und auch weiterhin durch Ankäufe ergänzt werden, spannen neun chronologisch gegliederte Kapitel einen Bogen von den Anfängen der Papierfotografie in den 1840er Jahren bis hin zu den Bildexperimenten der Gruppe fotoform der 1950er Jahre.
Im Eingangsbereich der Ausstellung empfängt den Besucher zunächst eine Auswahl von Raffael-Reproduktionen, die das Städel 1859 und 1860 in Ausstellungen präsentierte. Sie zeigen Gesamtansichten und Details der Raffael-Kartons, die dieser als Vorlagen für die Wandteppiche in der Sixtinischen Kapelle angefertigt hatte. Der Kunstinteressierte brauchte nicht mehr nach England zu reisen, um die Kartons Raffaels in Hampton Court zu bestaunen, sondern konnte die Meisterwerke nun anhand großformatiger Fotografien im Städel in Augenschein nehmen.
Der folgende Ausstellungsraum ist den Pionieren der Fotografie der 1840er und -60er Jahre gewidmet. Nach der Bekanntgabe der Erfindung des neuen Mediums 1839 galt es, die Welt durch das fotografische Bild zu erobern. Das Streben des Bürgertums nach Selbstdarstellung im Sinne aristokratischer Gepflogenheiten ließ fotografische Bildnisse bald zu einem lukrativen Geschäft werden und die Zahl der Fotoateliers in den europäischen Großstädten stetig ansteigen. Bauwerke und historische Denkmäler, Kunstschätze sowie prominente Persönlichkeiten wurden festgehalten und dem Publikum zugänglich gemacht. Etliche Fotografen wie Édouard Baldus, die Brüder Bisson, Frances Frith, Wilhelm Hammerschmidt und Charles Marville machten sich auf die Reise, um die kulturhistorischen Stätten Europas und des Nahen Ostens „abzulichten“ und damit die Zeugnisse der Vergangenheit ins Bild zu bannen.
Zu den erfolgreichsten Fotografen dieses Genres zählt der aus Frankfurt stammende Georg Sommer, der 1856 nach Italien zog und sich dort als Giorgio Sommer einen Namen machte. Das zweite Ausstellungskapitel behandelt das Bild Italiens als Sehnsuchtsort, gekennzeichnet durch die erhabene mediterrane Landschaft und das Erbe der Antike. Jenes Bild wäre jedoch nicht vollständig ohne Aufnahmen, die den Blick auf das einfache Leben der italienischen Bevölkerung richten. Die oftmals gestellten Genreszenen waren beliebte Souvenirs, weil sie die Erwartungen der Reisenden bestätigten, südlich der Alpen sei eine vorindustrielle und somit ursprüngliche Lebenswelt vorzufinden. Konfrontiert mit den Herausforderungen des Klimas, der langen Belichtungszeiten und der aufwendigen Entwicklung, suchten Fotografen stetig nach technischen Optimierungen, wie im dritten Kapitel der Präsentation deutlich wird: Léon Vidal oder Carlo Naya experimentierten mit Farbfotografie, Eadweard Muybridge mit der Aufnahme von Bewegungsabläufen und die Königlich Preußische Messbild-Anstalt mit großformatigen „Mammutfotografien“.
Im Laufe der Jahre traten die technischen Aspekte der professionellen Fotografie immer stärker in den Vordergrund, während die Bildsprache im Wesentlichen unverändert blieb. Das Ausstellungskapitel zur Kunstfotografie führt vor, wie begeisterte Fotoamateure das Medium Ende des 19. Jahrhunderts auch unter einer ästhetischen Prämisse weiterentwickelten. Hatten die Berufsfotografen bis dato unter dem Eindruck der Malerei bevorzugt auf Genreszenen und andere populäre Motive zurückgegriffen, wollten die sogenannten Piktorialisten den Kunstwert des Mediums stärken. Stimmungslandschaften, Märchenszenen oder stilisierte Stillleben wurden als subjektive Eindrücke abgebildet. Julia Margaret Cameron setzte effektvoll Schärfe und Unschärfe in ein dialogisches Spannungsverhältnis, Heinrich Kühn verwendete Gummidrucke oder Bromöldrucke, um malerische Effekte zu kreieren.
Mit Ende des Ersten Weltkrieges erstarkte eine neue Generation von Fotografen, welche die von den Piktorialisten etablierten Ansprüche hinterfragte und deren Arbeiten im Mittelpunkt des nächsten Raumes stehen: Statt in den Prozess der fotografischen Entwicklung einzugreifen, widmete man sich analog zu Ansätzen in der Malerei der Neuen Sachlichkeit einer nüchternen Bildgestaltung und suchte ein „Neues Sehen“ zu begründen. Der Blick sollte nicht länger, wie etwa in den Italienbildern, sehnsuchtsvoll in die Ferne schweifen, sondern direkt und unvermittelt das zeigen, was in der Gesellschaft geschah. Die nüchternen und strengen Fotografien August Sanders und Hugo Erfurths erfüllen dieses künstlerische Credo. Ein weiteres Augenmerk legt die Ausstellung auf die frühe Fotopublizistik und die Entwicklung der Massenmedien. Neben dokumentarischen Fotografien des Autodidakten Erich Salomon werden auch Heinrich Hoffmanns Aufnahmen von Adolf Hitler gezeigt, die 2013 für die Sammlung des Städel angekauft wurden. Waren Letztere ursprünglich von Hitler in Auftrag gegeben, ließ er später den Nachdruck der Aufnahmen verbieten. Tatsächlich entlarven Hoffmanns Bilder die leere Pose des Porträtierten Diktators. In einem eigenen Raum behandelt die Ausstellung das Werk Albert Renger-Patzschs, der sich in seinen formal strengen Arbeiten konsequent mit dem objektiven Abbilden von Natur und Technik auseinandersetzte.
Konträre Interessen verfolgten hingegen die vom Surrealismus inspirierten Fotografen, aber auch die Repräsentanten der tschechischen Fotoavantgarde, die im Zentrum der beiden folgenden Ausstellungsräume stehen. Im Ausstellungskapitel zur surrealistischen Fotografie oszillieren die fotografischen Werke zwischen Fiktion und Wirklichkeit, legen fotografische Experimente bizarre Aspekte der Welt offen. Anhand skurriler Effekte oder überraschender Motivkombinationen suchten Künstler wie Brassaï, André Kertész, Dora Maar, Paul Outerbridge und Man Ray das Ungewöhnliche im Vertrauten. Die tschechischen Fotografen der Zwischenkriegszeit hingegen interessierten sich für die Möglichkeiten einer abstrakten und konstruktivistischen Fotografie. In ihren teils symbolistisch anmutenden Arbeiten geht es um eine Ästhetisierung der erlebten Welt.
Der letzte Teil der Ausstellung ist Otto Steinert und der Gruppe fotoform gewidmet. Er veranschaulicht, wie Steinert und die Mitglieder der Künstlergruppe nach 1945 auf die Experimente der fotografischen Vorreiter der 1920er Jahre Bezug nehmen und sich von der propagandistischen und heroisierenden Verwendung der Fotografie während der Zeit des Nationalsozialismus abgrenzen. Die Fotografen Peter Keetman, Siegfried Lauterwasser, Wolfgang Reisewitz, Toni Schneiders, Otto Steinert und Ludwig Windstosser, die sich 1949 zur Gruppe fotoform zusammengeschlossen hatten, rückten die individuelle Perspektive des Fotografen in den Vordergrund und prägten damit den Begriff „subjektive fotografie“.
Die Schau ergänzt die seit der Neueröffnung des Städel Museums 2011 praktizierte gemeinsame Präsentation von Fotografie, Malerei und Skulptur, die auch während und nach „Lichtbilder“ fortgeführt wird, um deutlich zu machen, welch entscheidende Position der Fotografie seit ihren Anfängen in der kunsthistorischen Bildtradition zukommt. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der – wie auch die Ausstellungsarchitektur – die besondere Farbigkeit der schwarz-weiß gehandelten Fotografien in den Vordergrund rückt. Die subtilen Grautöne spiegeln sich nicht nur in den Werkabbildungen und der farblichen Gestaltung der Katalogkapitel wider, sondern werden auch im Ausstellungsraum aufgegriffen. Dort sind die Besucher umgeben von einer durch und durch grauen Ausstellungsarchitektur, die deutlich macht, dass Grau nicht gleich Grau ist. Dazu Kuratorin Felicity Grobien: „In der Ausstellung wird sichtbar, wie vielfarbig die Abzüge sind – denn entgegen den Erwartungen, die gegenüber Schwarz-Weiß-Fotografie bestehen, sind in den Werken unterschiedlichste subtile Farbnuancen zu entdecken, die die Besonderheit der Aufnahmen betonen.“
LICHTBILDER. FOTOGRAFIE IM STÄDEL MUSEUM VON DEN ANFÄNGEN BIS 1960
Kuratoren: Felicity Grobien, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Kunst der Moderne, Städel Museum; Dr. Felix Krämer, Leiter der Sammlung Kunst der Moderne im Städel Museum
Ausstellungsdauer: 9. Juli bis 5. Oktober 2014
Pressevorbesichtigung: Dienstag, 8. Juli, 11.00 Uhr
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de, Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa und So 10.00–18.00 Uhr, Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: Fr, 3. Oktober 2014, 10.00–18.00 Uhr
Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 10 Euro, Familienkarte 20 Euro; samstags, sonn- und feiertags 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Familienkarte 24 Euro; freier Eintritt für Kinder bis zu 12 Jahren;
Gruppen ab 10 Personen: 10 Euro/Person; samstags, sonn- und feiertags 12 Euro/Person.
Für Gruppen ist vorab eine Anmeldung erforderlich.
Kartenvorverkauf unter: tickets.staedelmuseum.de
Katalog: Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, herausgegeben von Felix Krämer und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein, Essays von Felicity Grobien, Felix Krämer, Eberhard Mayer-Wegelin und Wilfried Wiegand sowie Beiträgen von Ingo Borges, Kristina Lemke und Brigitte Sahler. Erscheint im Eigenverlag, 192 Seiten, zweisprachige Ausgabe (Deutsch und Englisch), 24,90 Euro.
Social Media: Das Städel Museum kommuniziert die Ausstellung in den sozialen Medien mit dem Hashtag #lichtbilder.
Überblicksführungen durch die Ausstellung: Donnerstags 19.00 Uhr, samstags 11.00 Uhr, sonntags 15.00 Uhr
Sonderführungen auf Anfrage unter: +49(0)69-605098-200 oder info@staedelmuseum.de.
Weitere Programmangebote unter www.staedelmuseum.de
Das Frankfurter Städel Museum zeigt vom 4. Juni bis zum 14. September 2014 eine hochkarätige Auswahl niederländischer Druckgrafiken aus dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Im Mittelpunkt der Sonderausstellung stehen etwa 65 Werke des Künstlers Hendrick Goltzius (1558–1617), eines der virtuosesten Zeichner und Druckgrafiker um 1600. Sein Œuvre zeichnet sich durch hochgebildete und gesucht komplexe Inhalte sowie eine extrem stilisierte Formgebung aus und erlangte dank internationaler Verbreitung seiner Kupferstiche in ganz Europa Berühmtheit. Insgesamt präsentiert die Ausstellung „Stil und Vollendung. Hendrick Goltzius und die manieristische Druckgrafik in Holland“ rund 100 Druckgrafiken und vier ergänzende Zeichnungen aus dem Bestand des Städel Museums in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung. Neben zentralen Arbeiten von Goltzius sind mit Jan Harmensz. Muller (1571–1628), Jan Saenredam (1565–1607), Jacques de Gheyn II. (1565–1629) und Jacob Matham (1571–1631) wichtige Künstler aus seinem Umkreis vertreten.
Der 1558 in der Nähe des heutigen Venlo in den Niederlanden geborene Hendrick Goltzius war einer der letzten großen Meister des Kupferstichs, bevor diese Technik im 17. Jahrhundert hinter die flexiblere und persönlichere Radierung zurücktrat. Er stammte aus einer eher bescheidenen Künstlerfamilie am Niederrhein und arbeitete nach seiner Ausbildung zum Kupferstecher für angesehene Druckgrafikverlage in Antwerpen, bevor er 1582 seinen eigenen Verlag in Haarlem gründete. Goltzius steht, obwohl er als ein Künstler des späten Manierismus stilistisch weit vom realistischen Barock des 17. Jahrhunderts entfernt ist, auch am Beginn des holländischen „Goldenen Zeitalters“.
Neben der technischen Perfektion liegt eine weitere besondere Qualität der Kunst Hendrick Goltzius’ in ihrem hohen Grad an Reflexion. Er war nicht nur Druckgrafiker, sondern von Anfang an auch Zeichner, der die Kompositionen für seinen Verlag selbst entwarf. Goltzius pflegte engen Umgang mit den bedeutendsten Künstlern Hollands und vor allem mit dem wichtigsten Kunsttheoretiker der Zeit, Karel van Mander (1548–1606). Diese Verbindungen, die mit Bemühungen um eine akademische Professionalisierung der Kunst in den Niederlanden einhergingen, brachten ihn in Kontakt mit Bartholomäus Spranger (1546–1611), dem einflussreichen Hofmaler des römisch-deutschen Kaisers in Prag. Goltzius entwickelte eine Kupferstichtechnik, die den eleganten, gezierten und figurenbetonten Manierismus Sprangers in das druckgrafische Medium übertrug. Seine grafischen Mittel bestehen aus virtuosen, kunstvoll an- und abschwellenden Linien und biegsamen Schraffuren, welche die Plastizität der Formen betonen und eine eigene kalligraphische Qualität entfalten. In der Spranger’schen Kunst stehen die Figuren – elegante Frauen und muskulös heroische Männer – im Zentrum; die Themen schwanken zwischen Religion und gebildeter, oft erotisch gefärbter Mythologie. Goltzius’ eigene Entwürfe in diesem Stil heben insbesondere den heroischen Aspekt der Figuren hervor, etwa in der Folge Die Römischen Helden (1586) oder im Fall von Der große Herkules (1589).
Durch die Arbeiten nach Spranger wurde Hendrick Goltzius zur internationalen Berühmtheit; sein Verlag produzierte die inhaltlich und technisch hochwertigsten Grafiken seiner Zeit. Den Spranger’schen Stil gab er selbst zwar nach wenigen Jahren wieder auf, dessen übereleganten Manierismus führte jedoch Goltzius’ Schüler Jan Harmensz. Muller weiter, der die kunstvolle grafische Sprache noch steigerte, etwa mit schillernden Moiré-Effekten in den Schraffuren. Goltzius, der immer wieder mit neuen Techniken und Formen experimentierte – so zum Beispiel mit dem Farb- oder Helldunkel-Holzschnitt – wandte sich durch die Eindrücke einer Italienreise in den Jahren 1590 und 1591 einer beruhigteren, klaren, an Antike und italienischer Renaissance geschulten Formensprache zu. Beispiel dafür sind die großen Kupferstiche nach antiken Skulpturen wie der Herkules Farnese von 1592. In den 1590er-Jahren trat zudem eine intensive Auseinandersetzung mit den alten Meistern in den Vordergrund; besonders beschäftigte sich Goltzius mit der Druckgrafik von Albrecht Dürer und Lucas van Leyden. Mit seinen sogenannten „Meisterstichen“ suchte der Niederländer vor dem Hintergrund der „Aemulatio“ – des Nachahmens und Übertreffens der Vorbilder – seinen Rang als den großen Meistern ebenbürtiger, ihnen sogar überlegener Künstler zu demonstrieren. Neben den selbst gestochenen, oft programmatischen Druckgrafiken dieser Zeit ließ er seine einfallsreichen Kompositionen hauptsächlich von Werkstattmitarbeitern, vor allem Jacob Matham und Jan Saenredam, ausführen. Um 1600 überließ Goltzius die Führung des Verlags seinem Stiefsohn Jacob Matham, gab die Beschäftigung mit der Druckgrafik auf und konzentrierte sich bis zu seinem Tod 1617 auf das Malen.
Die Graphische Sammlung im Städel Museum kann das druckgrafische Werk von Goltzius und seinem Umkreis umfassend aus dem eigenen, sehr guten Bestand vorstellen. Die im Städel Museum bewahrten Werke gehen zu einem Teil auf die Gründungssammlungen des Instituts von Johann Friedrich Städel (1728–1816) und Johann Georg Grambs (1756–1817), des ersten Administrationsvorsitzenden der Stiftung, zurück. Sie wurden im 19. Jahrhundert zielgerichtet durch Johann David Passavant (1787–1861), den Leiter der Städelschen Sammlungen, ergänzt. Ein Teil der Grafiken stammt ferner aus dem Nachlass des Senators Johann Karl Brönner (1738–1812), eines Zeitgenossen von Städel. Neben ausgezeichneten Exemplaren der wichtigsten Kupferstiche und Holzschnitte von Hendrick Goltzius verfügt die Graphische Sammlung auch über seltene Probedrucke von Jan Muller, die einen aufschlussreichen Einblick in die Arbeitstechnik der Kupferstecher geben. Einige Zeichnungen von Goltzius, ebenfalls aus den eigenen Beständen des Städel, ergänzen die Präsentation.
„Stil und Vollendung. Hendrick Goltzius und die manieristische Druckgraphik in Holland“ knüpft an frühere Ausstellungen zur alten Druckgrafik an, die im Städel Museum gezeigt werden konnten. Die Werke von Goltzius schließen kunsthistorisch eine Lücke zwischen den Druckgrafiken des frühen 16. Jahrhunderts, so des in den Niederlanden sehr einflussreichen Lucas van Leyden (ausgestellt 2006) oder denen von Albrecht Dürer (ausgestellt 2007), und den Druckgrafiken des 17. Jahrhunderts, etwa von Jacques Callot (ausgestellt 2002), Rembrandt (ausgestellt 2003 und 2013) oder Claude Lorrain (ausgestellt 2012). Ziel dieser Ausstellungen – so auch der gegenwärtigen – ist es, die Besucher des Städel Museums mit den technischen Besonderheiten, den spezifischen gestalterischen Bedingungen und Möglichkeiten, der individuellen und gesellschaftlichen Funktion, den Qualitätsmerkmalen, kurz: mit der Bedeutung und der Schönheit des Bildmediums Druckgrafik vertraut zu machen.
STIL UND VOLLENDUNG. HENDRICK GOLTZIUS UND DIE MANIERISTISCHE DRUCKGRAFIK IN HOLLAND
Kurator: Dr. Martin Sonnabend, Leiter Graphische Sammlung bis 1750
Wissenschaftliche Mitarbeit: Annett Gerlach, Städel Museum
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt
Ausstellungsdauer: 4. Juni bis 14. September 2014
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Öffnungszeiten Städel Museum: Dienstag, Mittwoch, Samstag und Sonntag 10.00–18.00 Uhr; Donnerstag und Freitag 10.00–21.00 Uhr
Öffnungszeiten Studiensaal, Graphische Sammlung: Mittwoch, Freitag 14.00–17.00 Uhr; Donnerstag 14.00–19.00 Uhr. Der Studiensaal macht vom 6. bis 29. August 2014 Sommerpause.
Eintritt:12 Euro, ermäßigt 10 Euro, Familienticket 20 Euro; freier Eintritt für Kinder bis zu 12 Jahren; Samstag, Sonn- und Feiertag 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Familienticket 24 Euro
Kartenvorverkauf unter: tickets.staedelmuseum.de
Überblicksführungen durch die Ausstellung: Freitags 19.00 Uhr, samstags 15.00 Uhr
Sonderführungen auf Anfrage unter: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de.
Weitere Programmangebote unter www.staedelmuseum.de
Im Rahmen der Nacht der Museen, die am vergangenen Samstag mit großem Erfolg stattfand, konnte das Städel Museum den 100.000sten Besucher in der Emil Nolde Retrospektive begrüßen. Die umfangreiche Ausstellung begeistert mit zahlreichen neuen Perspektiven auf das Leben und Werk eines der bedeutendsten deutschen Expressionisten bislang durchschnittlich mehr als 1.500 Besucher pro Tag. Die Vielfalt von Noldes Œuvre – gezeigt wird auch sein in vergangenen Ausstellungen oft weniger beachtetes Früh- und Spätwerk – wird in Gemälden, Aquarellen und Druckgrafiken aus allen Schaffensphasen des Künstlers deutlich.
„Seit mehr als 25 Jahren bot sich in Deutschland nicht die Gelegenheit eine solch dichte und abwechslungsreiche Auswahl von Emil Noldes Schaffen zu sehen. Wir freuen uns sehr, dass die Ausstellung ein so breites Publikum anzieht und wir die Neugierde vieler Menschen wecken und zur Diskussion sowohl in der Presse als auch in Fach- und Besucherwelt anregen können“, so Direktor Max Hollein über die groß angelegte Städel Ausstellung.
Das Gesamtwerk Noldes in seiner faszinierenden, vor Farbigkeit strotzenden wie dunklen Seite spiegelt auch das vielfältige und zahlreich genutzte Vermittlungsprogramm der Ausstellung wider. Die Vorträge zu Noldes NS-Vergangenheit sowie seiner Mitgliedschaft in der Künstlervereinigung „Brücke“ ermöglichten tiefe Einblicke in Leben und Werk, wohingegen die lange Nolde-Nacht („Berliner Revue“) viele Besucher zum ausgelassenen Kunst- und Tanzerlebnis rund um die 10er- und 20er-Jahre einlud. An vier Terminen pro Woche können Nolde-Interessierte auch während der letzten fünf Ausstellungswochen an Überblicksführungen teilnehmen. Das Rahmenprogramm hält darüber hinaus weitere Höhepunkte bereit, darunter den Städel Dialog zum Thema „Die Kraft von Licht und Farbe. Impressionismus trifft auf Expressionismus“ am Donnerstag, den 15. Mai 2014, um 19.00 Uhr, sowie im Literaturhaus Frankfurt die letzte Veranstaltung der „Deutschstunden. Autoren über Emil Nolde“ mit Kathrin Schmidt und Jacques Palminger am Mittwoch, den 11. Juni 2014, um 19.30 Uhr.
Nach ihrer Präsentation in Frankfurt wird die vom Städel Museum konzipierte Schau vom 4. Juli bis 19. Oktober 2014 im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, Dänemark zu sehen sein.
Mit einer außerordentlichen Präsentation von Franz Erhard Walther (*1939) setzt das Städel Museum die Reihe „Im Städel Garten“ fort. Walthers Schreitsockel und Standstellen sind vom 17. September bis 23. November 2014 auf den frei zugänglichen Grünflächen des Museums zu sehen. Der international vielbeachtete Künstler begann diese Werkgruppe, die ihn zu einer Schlüsselfigur der Minimal und Performance Art werden ließ, Anfang der 1970er-Jahre für den Außenraum zu entwickeln. Die minimalistischen, aus Stahl geformten Bodenelemente laden mit ihren reduzierten Formen den Besucher zu einer „Werkbegehung“ ein. Durch das Abschreiten der Sockel wird dieser selbst zum Material des skulpturalen Prozesses. Im vorderen und hinteren Städel Garten eröffnen die Schreitsockel und Standstellen überraschende Blickachsen und neue Perspektiven auf das Museum sowie auf dessen Umgebung. Die Ausstellung wird am Dienstag, 16. September um 19.00 Uhr mit einem Gespräch zwischen Franz Erhard Walther und Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst am Städel Museum, im Metzler-Saal des Städel eröffnet; anschließend besteht die Möglichkeit einer Werkbegehung mit dem Künstler. Bei einer weiteren Werkbegehung mit Franz Erhard Walther am Sonntag, 21. September um 15.00 Uhr und einem Vortrag des Künstlers am Donnerstag, 16. Oktober 2014 um 19.00 Uhr im Städel Museum kann das Publikum weitere Einblicke in das Œuvre Walthers gewinnen.
Die Ausstellung wird unterstützt von der Städel Gartengesellschaft.
Franz Erhard Walther, geboren 1939 in Fulda, nahm 1959 ein Studium an der Städelschule in Frankfurt auf. 1962 wechselte er an die Kunstakademie Düsseldorf, wo er gemeinsam mit Gerhard Richter und Sigmar Polke in der Klasse von Karl Otto Götz studierte. Schon zu Beginn der Ausbildung galt sein Interesse Gestaltungsprozessen, die sich aus dem Zusammenhang einer bestimmten Materialität ergaben. So begeisterte er sich beispielsweise für Papier, das durch den Kontakt mit verschiedenen Flüssigkeiten die unterschiedlichsten Formen annahm. Er begann mit Textilien zu experimentieren und fertigte aus Nesselstoff Objekte, um den Betrachter durch deren Benutzung interaktiv einzubeziehen. Im Zuge dessen entstand sein 1. Werksatz (1963–1969), bestehend aus 58 Objekten, der bereits im ersten Jahr von Walthers USA-Aufenthalt von 1967 bis 1971 in New York im Museum of Modern Art präsentiert wurde. Walther veränderte in den 1960er-Jahren mit seiner Kunst radikal das Verständnis des traditionellen Skulpturbegriffs. Für ihn bilden der Prozess, das Sehen, die Bewegung und die Erfahrungen das Werk. Mit dieser künstlerischen Haltung beeinflusste Walther, der zwischen 1971 und 2005 als Professor an der Hamburger Hochschule für bildende Künste lehrte, eine ganze Generation von Gegenwartskünstlern, die auch in der Sammlung des Städel Museums vertreten sind – von Rebecca Horn über Martin Kippenberger und Santiago Sierra bis hin zu Jonathan Meese.
Die im Städel Garten gezeigte Werkgruppe der Schreitsockel und Standstellen von Franz Erhard Walther zeichnet sich vor allem durch ihre reduzierte und minimalistische Gestalt aus. Die Besucher finden auf dem Boden liegende Stahlplatten und Bahnen im Gartenbereich mit einem einseitig erhöhten Rand, die sogenannten Schreitsockel; komplementiert werden diese mit leicht erhöhten quadratischen Flächen, den Standstellen. Die Werkstücke werden erst durch das Abschreiten tatsächlich zu Sockeln, wobei sich die Akteure als Teil der Skulptur begreifen können. Darüber hinaus entsteht durch das Schreiten ebenso ein Bezug zur räumlichen Umgebung, wie das stehende Verweilen an einem Ort die Dimension der Zeit in das Werk integriert. Die Präsentation im Außenraum des Städel eröffnet den Besuchern im Schreiten und Stehen ungewohnte Perspektiven und überraschende Assoziationen in der von Kunst geprägten Umgebung von Museum und Städelschule. Neben ihrer Bezugnahme auf die reale Umgebung unterstützen die Schreitsockel und Standstellen auch die Interaktion der Besucher. Obwohl Körper, Raum und Zeit durchaus wesentliche Elemente der klassischen Bildhauerei sind, nutzt Walther diese, um eine völlig neue konzeptuelle und skulpturale Ausdrucksform zu schaffen.
Neben dem prozesshaften und sozialen Aspekt von Walthers Arbeiten steht besonders deren erweiterte „skulpturale Qualität“ im Vordergrund. Der Körper als Teil der künstlerischen Formgestaltung führte in Walthers Kunst zu einer nachhaltigen Ausweitung des Werkbegriffs. Walther verwirklichte diese künstlerischen Ideen nicht nur frühzeitig, sondern vereinte in seinem Werk darüber hinaus Grundgedanken der in den USA aufkommenden Minimal Art und Performance Art.
Im Zuge der Neupräsentation seiner Skulpturensammlung im Städel Garten zeigt das Städel in der Reihe „Im Städel Garten“ seit 2013 verschiedene performative und installative Arbeiten auf dem frei zugänglichen Gelände rund um das Museum. Den Auftakt bildete im April 2013 die aufwendig inszenierte Performance Watering Hole der in Frankfurt lebenden Künstlerin Adrian Williams, im Juni 2013 folgte mit der Ausstellung von Werken Adolf Luthers eine weitere temporäre Präsentation. 2014
wurde die Reihe mit Erwin Wurms One Minute Sculptures und The Encryption Garden – Soundinstallation im Städel Garten von Alan B. Brock-Richmond und Bernhard Schreiner weitergeführt.
FRANZ ERHARD WALTHER. SCHREITSOCKEL UND STANDSTELLEN TEIL V DER REIHE „IM STÄDEL GARTEN“
Kurator: Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst, Städel Museum
Ausstellungsdauer: 17. September bis 23. November 2014
Presserundgang: Dienstag, 16. September, 12.00 Uhr
Eröffnung: Dienstag, 16. September, 19.00 Uhr, Metzler-Saal und Städel Garten
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de, Telefon +49(0)69-605098-0,
Fax +49(0)69-605098-111
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Der Städel Garten ist während der regulären Öffnungszeiten des Museums kostenfrei zugänglich.
Öffnungszeiten Städel Museum: Di, Mi, Sa und So 10.00–18.00 Uhr, Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten Städel Museum: Fr, 3. Oktober 2014, 10.00–18.00 Uhr
Werkbegehung mit Franz Erhard Walther: So, 21. September 2014, 15.00 Uhr, Städel Garten
Künstlervortrag: Do, 16. Oktober 2014, 19.00 Uhr, Metzler-Saal, Städel Museum
Überblicksführungen durch die Ausstellung: Sonntags 11.00 Uhr, Städel Garten
Sonderführungen auf Anfrage unter: +49(0)69-605098-200 oder info@staedelmuseum.de.
Weitere Programmangebote unter www.staedelmuseum.de.
Förderung: Die Reihe „Im Städel Garten“ wird mit Unterstützung der „Städel Gartengesellschaft“ realisiert. In dem Förderkreis engagieren sich Bürger, um Aktionen, Installationen sowie Performances der Gegenwartskunst im Städel Garten möglich und für alle zugänglich zu machen.
Zu den großen Schätzen des Frankfurter Städel Museums zählt eine umfangreiche Sammlung von Zeichnungen der italienischen Renaissance. Vertreten sind kostbare Blätter herausragender Persönlichkeiten wie Michelangelo, Raffael, Correggio oder Tizian, aber auch Werke anonymer Meister des 15. Jahrhunderts und weniger bekannter Künstler des 16. Jahrhunderts wie Giulio Romano, Sebastiano del Piombo oder Taddeo Zuccari. Eine repräsentative Auswahl dieser wertvollen Bestände – die zu einem beträchtlichen Teil auf die Gründungsstiftung von Johann Friedrich Städel zurückgehen und in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter Johann David Passavant zu höchstem Rang erweitert wurden – zeigt die Ausstellung „Raffael bis Tizian. Italienische Zeichnungen aus dem Städel Museum“ vom 8. Oktober 2014 bis 11. Januar 2015 in der Graphischen Sammlung des Städel. Die insgesamt rund 90 ausgewählten Zeichnungen geben einen Einblick in die Vielfalt einer Epoche, die mit der Entdeckung Amerikas, den Gegensätzen der Konfessionen und dem Neubeginn in den Naturwissenschaften für Europa so entscheidend war. An den Arbeiten, deren kunsthistorischen Mittelpunkt die Werke der Hochrenaissance des frühen 16. Jahrhunderts bilden, werden die unterschiedlichen künstlerischen Strömungen, Techniken und Funktionen der Zeichnungen, aber auch sammlungsgeschichtliche Zusammenhänge besonders anschaulich – ganz abgesehen vom Erlebnis höchster zeichnerischer Vollendung.
Die Ausstellung ist Abschluss eines langjährigen, von der Frankfurter Stiftung Gabriele Busch-Hauck geförderten Forschungsprojekts. In dessen Verlauf konnten die Zeichnungen der italienischen Renaissance bis 1600 aus der Sammlung des Städel unter Auswertung neuerer wissenschaftlicher Arbeiten umfassend untersucht werden; mehr als ein Drittel aller ausgestellten Werke wurde überhaupt zum ersten Mal thematisiert und wird nun in dem im Rahmen der Ausstellung erscheinenden Bestandskatalog publiziert.
„Unser Bestand von insgesamt etwa 450 Blättern der italienischen Renaissance zählt zu den herausragendsten in Deutschland. Sie prägen den Ort, an den sie gebunden sind, und leisten einen wesentlichen Beitrag zur unverwechselbaren Identität des Städel. Um diese Identität lebendig zu halten, gilt es, die eigenen Bestände immer wieder kritisch zu überprüfen und kontinuierlich wissenschaftlich zu erforschen. Die Ausstellung ‚Raffael bis Tizian‘ ist eine ebenso bedeutende wie beeindruckende Visualisierung dieser ansonsten oft im Verborgenen stattfindenden Kernaufgabe unseres Museums“, so Städel-Direktor Max Hollein.
„Zeichnungen gehören zu den kostbarsten Äußerungen künstlerischer Schaffenskraft. Sie bieten den einmaligen Reiz, das Denken und oft sogar den ersten künstlerischen Impuls eines Meisters nacherleben zu können. Die in der Ausstellung vertretenen Meisterwerke geben einen ungemein intimen und aufschlussreichen Einblick in die italienische Hochrenaissance – eine der wichtigsten und bedeutsamsten Epochen der Kunstgeschichte“, so Kurator Dr. Joachim Jacoby über ein Leitmotiv seiner Ausstellung.
Die Präsentation in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung versammelt eine repräsentative Auswahl von italienischen Handzeichnungen aus der Zeit zwischen etwa 1430 und 1600, an denen die unterschiedlichen künstlerischen Strömungen der weltberühmten Epoche, die verschiedenen Techniken und Funktionen der Zeichnungen, aber auch sammlungsgeschichtliche Aspekte besonders anschaulich demonstriert werden.
Die überhaupt selten erhaltenen Zeichnungen des 15. Jahrhunderts bilden den Auftakt der Ausstellung und sind mit rund fünfzehn Beispielen vertreten. Zu sehen sind etwa eine Zeichnung mit vier eleganten gotischen Standfiguren aus dem Kreis von Pisanello (um 1430), die eindringlichen Entwürfe einer Totentrauer des in Venedig lebenden Marco Zoppo (um 1470) sowie die Zeichnung eines nach oben blickenden jungen Mannes (um 1500) aus der Hand eines unbekannten venezianischen Meisters.
Die zweite Abteilung ist den Künstlern der Hochrenaissance gewidmet – einer relativ kurzen Zeitspanne zwischen 1500 und 1525, in der die Kunst Europas eine völlig neue Ausrichtung erhielt und die bereits von Giorgio Vasari in der Mitte des 16. Jahrhunderts als ein „Punkt der höchsten Vollendung“ angesehen wurde, der das Fundament für kommende Generationen bildete. Maßgeblich geprägt wurde diese Phase von den in der Ausstellung gezeigten Künstlern Fra Bartolommeo und Michelangelo in Florenz, Raffael in Rom, Correggio in Parma und Tizian in Venedig. Hier begegnen dem Besucher ebenso kostbare wie fragile Meisterwerke wie Michelangelos Groteske Köpfe (um 1525), Raffaels Entwurf für die „Disputa“ (um 1508/09), Correggios Sitzender Prophet mit Buch (um 1523) oder Tizians einzigartige Studie für den heiligen Sebastian des Hochaltars in SS Nazaro e Celso in Brescia (um 1519/20).
Der weitere Verlauf bis zum Ende des 16. Jahrhunderts ist in zwei Abschnitte unterteilt: zum einen in Arbeiten aus Mittelitalien, zum anderen in Werke aus dem großen Gebiet zwischen Genua und Venedig im Norden Italiens. Die Zeichnungen der ersten Gruppe sind in chronologischer Abfolge nach den Zentren Florenz und Rom unterschieden und versammeln Arbeiten zur politischen Machtdemonstration und höfischen Repräsentation – wie Bronzinos Entwurf für ein Deckenfresko im Palazzo Vecchio in Florenz (um 1539/40) – oder auch Zeichnungen, denen als Planungsinstrument und Demonstrationsobjekt eine zentrale Bedeutung zukam, darunter Blätter von Pontormo, Zuccari oder Poccetti.
Die Anordnung der Zeichnungen aus dem nördlichen Italien folgt einer geografischen Gliederung, von Ligurien im Westen bis ins Veneto im Osten. Die Kunstzentren im Norden Italiens bildeten in der Renaissance keine Einheit. Den politischen Herrschaftsgebieten entsprechend aufgeteilt, brachten sie teilweise eigene Stilformen hervor. In diesem Ausstellungsabschnitt werden unter anderem Venus trauert um Adonis (um 1560) von Luca Cambiaso aus Genua, Die Anbetung der Könige (um 1527/30) des ungemein einflussreichen Künstlers Parmigianino aus Parma oder auch die Studie nach dem Kopf von Michelangelos „Giuliano de’ Medici“ (um 1545/60?) präsentiert, die der in Venedig lebende Tintoretto vermutlich nach einem Abguss der in Florenz befindlichen Skulptur in der Medici-Kapelle anfertigte.
Insgesamt vermittelt die Ausstellung nicht nur einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Strömungen und regionalen Ausprägungen der italienischen Renaissancekunst. Auch die zahlreichen Funktionen und Techniken des Mediums Zeichnung werden beleuchtet, etwa durch die von Raffael und seiner Werkstatt gefertigte Kreidezeichnung Drei Figuren aus der „Schule von Athen“ (Stanza della Segnatura) (um 1510/12), eine Silberstiftstudie nach dem lebenden Modell für einen Gekreuzigten aus dem 15. Jahrhundert, die fast abstrakt anmutende Studie einer liegenden Figur (um 1567?) in mehrfarbigen Kreiden von Jacopo Bassano oder Giuseppe Cesaris Darstellung des selbstverliebten Narziss (um 1595/1600) in schwarzem Stift, eine für sich stehende, autonome Arbeit.
Bereits zur Gründungsstiftung des Städelschen Kunstinstituts im Jahr 1815 konnte die Städelsche Sammlung einen bedeutenden Bestand an Altmeister-Zeichnungen aufweisen. Dieser erfuhr um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch Johann David Passavant (1787–1861) eine entscheidende Erweiterung und markante Strukturierung. Passavant, der als Inspektor von 1840 bis zu seinem Tod 1861 für die Sammlungen des Städel Museums verantwortlich war, vertrat die Strategie gezielter Erwerbungen einzelner und, wie er schrieb, „nur ausgezeichneter“ Werke, um den Besuchern des Museums durch konzentrierte Qualität eine eindrucksvolle Anschauung der Kunstgeschichte und ein intensives Erlebnis der Kunst „aller Zeiten und Schulen“ zu ermöglichen. Passavant hatte seine Laufbahn als nazarenischer Maler begonnen und seine Verehrung der großen Vorbilder Raffael und Dürer zu einer fundierten Kennerschaft auf den Gebieten der italienischen und deutschen Renaissance ausgebaut. So bildeten sich hier Schwerpunkte, die in der Zeichnungssammlung des Instituts nach wie vor besonders deutlich zutage treten. Der Bestand der italienischen Renaissancezeichnungen, dem die Ausstellung gewidmet ist, zählt heute – auch dank einzelner ergänzender Erwerbungen späterer Zeit – zu den wichtigsten in Europa, und in keiner anderen deutschen Sammlung ist Raffael mit mehr Zeichnungen vertreten.
Zur Ausstellung erscheint ein umfassender Katalog im Michael Imhof Verlag, verfasst von Joachim Jacoby. In den Katalogtexten wird jede Zeichnung ausführlich dokumentiert (mit technischen Daten, gegebenenfalls Wasserzeichen, Provenienz, Literatur), eingehend analysiert und mit Blick auf das Œuvre des betreffenden Künstlers diskutiert. Alle Zeichnungen werden abgebildet (soweit erforderlich mit Recto und Verso sowie Wasserzeichen); zusätzlich wird mit zahlreichen Vergleichsabbildungen wichtiger Referenzarbeiten – Zeichnungen, Gemälden, Druckgrafiken – ein hoher Grad an Anschaulichkeit gewährleistet.
Die Ausstellung ist im Anschluss an die Präsentation in Frankfurt vom 21. März bis 21. Juni 2015 in der Fondation Custodia, Collection Frits Lugt in Paris zu sehen.
RAFFAEL BIS TIZIAN. ITALIENISCHE ZEICHNUNGEN AUS DEM STÄDEL MUSEUM
Kurator: Dr. Joachim Jacoby
Projektleitung: Dr. Martin Sonnabend, Städel Museum
Ausstellungsdauer: 8. Oktober 2014 bis 11. Januar 2015
Pressevorbesichtigung: Montag, 6. Oktober 2014, 11.00 Uhr
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de, Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt
Öffnungszeiten Städel Museum: Di, Mi, Sa und So 10.00–18.00 Uhr; Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: Mi, 24. Dezember 2014: geschlossen; Do, 25. Dezember 2014 und Fr, 26. Dezember 2014: 10.00–18.00 Uhr; Mi, 31. Dezember 2014: geschlossen; Do, 1. Januar 2015: 11.00–18.00 Uhr
Öffnungszeiten Studiensaal der Graphischen Sammlung: Mi, Fr 14.00–17.00 Uhr;
Do 14.00–19.00 Uhr
Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 10 Euro, Familienkarte 20 Euro; samstags, sonn- und feiertags 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Familienkarte 24 Euro; freier Eintritt für Kinder bis zu 12 Jahren; bei Gruppen ab 10 Personen gilt der ermäßigte Eintrittspreis.
Kartenvorverkauf unter: tickets.staedelmuseum.de
Katalog: Zur Ausstellung erscheint im Michael Imhof Verlag ein umfangreicher, von Joachim Jacoby verfasster Katalog, herausgegeben von Max Hollein, Dr. Jutta Schütt und Dr. Martin Sonnabend, deutsch, ca. 300 Seiten, 34,90 Euro.
Überblicksführungen in der Ausstellung: Freitags 19.00 Uhr, samstags 15.00 Uhr
Sonderführungen auf Anfrage unter: +49(0)69-605098-200; info@staedelmuseum.de
Weitere Programmangebote unter www.staedelmuseum.de
Das Forschungsprojekt, die Ausstellung und der Katalog wurden gefördert durch die Stiftung Gabriele Busch-Hauck, Frankfurt am Main.
Kulturpartner: hr2-kultur
Ab Oktober 2014 erfährt mit dem Altarflügel Der Schächer zur Linken Christi ein zentrales Werk der Städelschen Altmeister-Sammlung eine umfassende Konservierung und Restaurierung. Die etwa ein Jahr in Anspruch nehmenden Arbeiten werden als Teil des Art Conservation Projects von der Bank of America Merrill Lynch gefördert. Das um 1430, auf Eichenholz gemalte Schächerfragment ist die obere Hälfte des rechten Flügels eines ansonsten nicht mehr erhaltenen, aber durch zahlreiche Kopien bekannten Altarretabels. Auf der ehemaligen Innenseite ist der „böse Schächer“ zu sehen, der mit Jesus gekreuzigt wurde, während auf der früheren Außenseite in einer Nische Johannes der Täufer als simulierte Skulptur dargestellt wird. Der Altarflügel ist dem „Meister von Flémalle“ zugeschrieben, der häufig als der in Tournai tätige Künstler Robert Campin angesehen wird. Die im Oktober beginnende Konservierung und Restaurierung gilt vornehmlich dem als Goldbrokat gestalteten Hintergrund des Werkes. Dessen ursprüngliche Reliefstruktur ist im heutigen Zustand durch zahlreiche Materialverluste und spätere Überarbeitungen nicht mehr zu erkennen. Der originale Goldgrund zählt zu den ersten bekannten Anwendungen der sogenannten Pressbrokat-Technik in niederländischen Gemälden. Diese anspruchsvolle Technik simuliert auf eindrucksvolle Weise räumliche Wirkung und stoffliche Materialität. Das Hauptaugenmerk der Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen liegt auf der verbesserten Sichtbarkeit des reliefartigen Goldgrundes.
„Der Altarflügel, der sich seit 1840 in der Städelschen Sammlung befindet, gehört zu den Schlüsselwerken unserer Alte Meister-Sammlung“, sagt Max Hollein, Direktor des Städel Museums. „Durch die Förderung der Bank of America Merrill Lynch wird es möglich, dieses bedeutende Werk eingehend zu untersuchen und den einmaligen Goldgrund zu konservieren und restaurieren. Damit wird dieses Meisterwerk der Malerei des frühen 15. Jahrhunderts mit seiner detailgetreuen Wirklichkeitswiedergabe nicht nur für die heutigen Besucher, sondern auch für kommende Generationen in gänzlich neuer Weise erfahrbar und erlebbar.“ „Wir sind besonders darauf stolz, schon seit vielen Jahren den florierenden Kunst- und Kultursektor in Deutschland mit vielfältigen Förderungen und Restaurierungsprojekten unterstützen zu können“, sagt Holger Bross, Deutschlandchef der Bank of America Merrill Lynch. „Für uns ist es eine Ehre, die Konservierung dieses eindrucksvollen Altarflügels des Städel Museums zu fördern.“
Die Konservierung und Restaurierung des Altarflügels Der Schächer zur Linken Christi wird in der Werkstatt für Gemälderestaurierung im Städel Museum unter Leitung von Stephan Knobloch realisiert und voraussichtlich im Oktober 2015 abgeschlossen sein. Für dieses Projekt konnte zudem Diplomrestauratorin Annegret Volk gewonnen werden, die auch die wissenschaftliche Recherche durchführen sowie das Konservierungs- und Restaurierungskonzept umsetzen wird. So kann das bedeutende Altarwerk zum 200-jährigen Bestehen des Städel Museums im Jubiläumsjahr 2015 der ältesten und bedeutendsten Museumsstiftung dem Publikum wieder präsentiert werden.
„Meister von Flémalle“
Der „Meister von Flémalle“ ist – neben Rogier van der Weyden und den Brüdern van Eyck – für die Entstehung und Entwicklung der frühen niederländischen Malerei von herausragender Bedeutung. Diese Namen stehen aufgrund der sich damals durchsetzenden Maltechnik in Öl für die künstlerische Entdeckung der sichtbaren Welt, die fortan in bis dahin ungesehen realistischer Art und Weise umgesetzt werden konnte. Diese revolutionäre Malerei in den Niederlanden Anfang des 15. Jahrhunderts markiert mit ihrer detailgetreuen Wirklichkeitswiedergabe den Beginn der frühneuzeitlichen Kunst.
Bank of America Merrill Lynch
Das seit 2010 bestehende Art Conservation Project der Bank of America Merrill Lynch unterstützte bislang 72 Projekte weltweit. So förderte das Unternehmen 2010 unter anderem die Restaurierung des um 1910 entstandenen Gemäldes Szene im Wald (Moritzburger Teiche) (Vorderseite) / Akt im Atelier (Rückseite) des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner aus der Städelschen Sammlung sowie die Jeff Koons-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und der Liebieghaus Skulpturensammlung im Jahr 2012.
Veranstaltungsprogramm November 2014
Das Städel Museum beleuchtet in der Ausstellung „Fantastische Welten. Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500“ vom 5. November 2014 bis zum 8. Februar 2015 wesentliche Neuerungen in der Kunst im Europa des frühen 16. Jahrhunderts, die zu dieser Zeit überraschend modern wirkende Erscheinungsformen annimmt. Anhand von 120 Exponaten wird anschaulich, wie eine ganze Generation von Künstlern um 1500 die Gattungen Landschafts- und Historienbild sowie Porträt neu formuliert. Fernab von einer naturgetreuen Wiedergabe entsteht ein innovatives, expressives Zusammenspiel von Lichteffekten, überschwänglicher Farbgestaltung sowie grotesker Formen und Posen – und das in allen Gattungen: Malerei, Skulptur, Druckgrafik, Zeichnung und Buchmalerei. Ausgehend von den Künstlern Albrecht Altdorfer (um 1480–1538), Wolf Huber (um 1485–1553), dem Passauer Bildschnitzer Meister IP (tätig bis nach 1520) und Hans Leinberger (dokumentiert in Landshut, 1510–1530) wird das Phänomen des „Expressiven“, das für die Künstler der sogenannten Donauschule zentral ist, erstmals in einen gesamteuropäischen Kontext gestellt. Die Werke Altdorfers, Hubers, Leinbergers und des Meisters IP werden hierfür gezielt mit Arbeiten von Zeitgenossen wie Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553), Hans Leu (um 1490–1531) oder Albrecht Dürer (1471–1528) konfrontiert. Die Ausstellung verdeutlicht, dass ihr Schaffen in einem weiteren, europäischen Bezugsrahmen zu betrachten ist, denn zeitgleich mit den Künstlern des Donauraumes bedienen sich auch Künstler in den Niederlanden, am Nieder- und Oberrhein, in der Schweiz und in Oberitalien, in Böhmen, Polen oder Norddeutschland einer unmittelbar vergleichbaren Bild- und Formensprache. Diese wird den Besuchern in der Frankfurter Ausstellung in einer medialen und thematischen Vielfalt vor Augen geführt, wie sie zuvor noch nicht zu sehen war.
Gefördert wird die Sonderausstellung durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain und die Sparkassen-Finanzgruppe. Zusätzliche Unterstützung erfährt sie durch die Art Mentor Foundation Lucerne.
Bei dem Projekt handelt es sich um eine Ausstellung des Städel Museums, der Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main, und des Kunsthistorischen Museums Wien, in Zusammenarbeit mit dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e.V. an der Universität Leipzig.
Nach Ende der Ausstellungslaufzeit im Städel wird die Schau vom 17. März bis 14. Juni 2015 im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen sein.
Knapp 50 Jahre nach der letzten umfassenden Präsentation zur Kunst der „Donauschule“ und 30 Jahre nach der letzten großen thematischen Ausstellung über Altdorfer beleuchtet die Sonderausstellung im Städel Museum anhand von markanten Spitzenwerken das Phänomen des Expressiven in der Kunst um 1500 in all seinen thematischen, künstlerischen und medialen Facetten und ermöglicht einen neuen, ganzheitlichen Blick auf diese nicht allein auf den Donauraum beschränkte Stilentwicklung. Die herannahende Reformation hatte den Künstlern der damaligen Zeit insbesondere im Feld der religiösen Darstellungen völlig neue Gestaltungsfreiräume eröffnet, die sich jedoch schon bald wieder schließen sollten. Denn nach der beendeten Konfessionalisierung verzichtete die protestantische Seite auf bestimmte Bilder gänzlich, während die katholische Kirche wieder verstärkt auf ikonografische Verbindlichkeit bestand. So existierten in der Kunst um 1500 noch narrative Spielarten, die im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts in dieser Form nicht mehr denkbar waren.
Die Ausstellung konfrontiert bewusst all jene Kunstgattungen um 1500 miteinander, an denen sich spezifisch expressive Tendenzen ablesen lassen. Dabei bilden zahlreiche Gemälde und Grafiken der Städelschen Sammlung sowie skulpturale Exponate der Liebieghaus Skulpturensammlung die Basis, ergänzt durch bedeutende Leihgaben weiterer Museen; unter anderem werden Schlüsselwerke des Kunsthistorischen Museums Wien, der Alten Pinakothek und des Bayerischen Nationalmuseums in München, der Prager Nationalgalerie, der Skulpturensammlung und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, der Graphischen Sammlung der Universitätsbibliothek Erlangen, des Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid oder des Szépművészeti Múzeums in Budapest zu sehen sein. Zudem konnten zahlreiche Leihgaben aus kirchlichem Besitz für die Ausstellung gewonnen werden, wie etwa das Johannesretabel aus der Prager Teynkirche (1520er-Jahre) oder Gemälde aus dem Augustinerchorherrenstift St. Florian in Linz. Mit der Präsentation setzt das Städel die Folge seiner großen Ausstellungen zur Kunst der Frühen Neuzeit, wie zuletzt zu Albrecht Dürer, fort.
Die Ausstellung ist thematisch in sechs Abschnitte gegliedert. Zu Beginn widmet sich die vorgeschaltete Sektion „Weltenlast, Naturgewalten: Bilder des hl. Christophorus“ einer der am häufigsten wiedergegebenen Heiligengestalten im Spätmittelalter. Bilder des hl. Christophorus, der den Christusknaben auf den Schultern über einen Fluss trägt, schmückten nicht nur Kirchenwände oder Altarretabel in Form von Gemälden oder Skulpturen, sondern wurden auch massenhaft als Druckgrafiken für den Hausgebrauch verbreitet. Albrecht Altdorfer, Wolf Huber und Georg Lemberger stellen den hl. Christophorus in einer bis dahin unbekannten Weise dar. In bizarr überzeichneter Form bringen sie in ihrer Kunst die enorme Last zum Ausdruck, die der Heilige mit dem Christuskind auf seinen Schultern trägt.
Im ersten Saal des Ausstellungshauses werden die vier führenden Künstler des Donauraumes mit einer Auswahl zentraler Werke vorgestellt: Albrecht Altdorfer, Wolf Huber sowie die Bildhauer Meister IP und Hans Leinberger. Dabei wird das Thema „Bilder des Menschen“ in den Fokus genommen. Die ausgestellten Werke verdeutlichen einerseits, worin sich diese Künstler in der Darstellung des Menschen von der älteren Künstlergeneration unterscheiden, andererseits werden gemeinsame Stilmittel in der Umsetzung dieses Bildmotivs herausgearbeitet. Zudem wird Albrecht Dürer als Protagonist und Begründer eines mathematisch-naturwissenschaftlich konstruierten Menschenbildes den Zeitgenossen Altdorfer, Huber, Meister IP und Leinberger gegenübergestellt. Im Gegensatz zu Dürers genau proportionierten Körpern erscheinen die Figuren der anderen Künstler extrem dynamisiert, die menschliche Anatomie ist oftmals nicht naturgetreu gestaltet. Ihre Kunst wird durch den Einsatz ausdrucksstärkster Farbigkeit und Formgebung bestimmt. Mit Werken von Wolf Huber, wie seinem Gemälde Gefangennahme Christi (nach 1522) oder seinem Annenaltar (1521), wird hier auch der zweite zentrale Künstler des Donauraumes eingeführt. Zudem wird in diesem Kapitel neben Hans Leinberger der Monogrammist IP mit dem Hauptteil seines Johannesretabels (1520er-Jahre) als einer der bedeutendsten Vertreter der Bildhauerei im 16. Jahrhundert präsentiert.
Im Abschnitt „Schräge Ansichten bei Kreuzigungen und anderen Passionsszenen" wird die Expressivität der Kunst dieser Zeit anhand verschiedener religiöser Motive veranschaulicht. Besonders mit Blick auf die Bildthemen Kreuzigung und Kreuzabnahme finden sich im Werk Altdorfers, Hubers, des Meisters IP und Leinbergers expressive Mittel wie Ornamentalisierung, Dramatisierung oder Verzerrung des Dargestellten. Mit dem frühesten Gemälde Lucas Cranachs d. Ä., der sogenannten Schottenkreuzigung (um 1500), wird ein weiterer Künstler vorgestellt, der Anfang des 16. Jahrhunderts im Donauraum tätig war. Die Darstellung des Themas bei Cranach hebt sich von anderen Spielarten dieses Motivs insbesondere durch ihre Drastik ab. Seine schräg ins Bild gestellten Kreuze sollten später häufig von anderen Künstlern übernommen werden. Leinberger vereint all diese Phänomene in seinen Flachreliefs der Kreuzigung, der Kreuzabnahme und der Beweinung (um 1515/16). Der Meister IP ist in dieser Sektion mit der vollplastischen Kreuzigungsgruppe des Johannesretabels der Teynkirche (1520er-Jahre) vertreten. Huber verlegt in seinem Blatt Große Landschaft mit einer Stadt (um 1525) das eigentliche Bildthema der Kreuzigung als Marginalie in den Hintergrund und gibt stattdessen der Landschaft Raum zur Entfaltung.
Das Ausstellungskapitel „Landschaft als Ausdrucksträger" verdeutlicht anhand von markanten Beispielen, dass Landschaft und die sie gestaltenden Bildkomponenten in der Kunst um 1500 nicht mehr nur als bloße Kulisse der eigentlichen Darstellung, sondern erstmals zum Bildgegenstand und Thema selbst werden. Bedrohliche Gewitterhimmel oder lyrische Sonnenuntergänge unterstreichen Ausdruck und Stimmung der meist menschenleeren Szenerie, die Vegetation entwickelt in vielen Kunstwerken ein geheimnisvolles Eigenleben. So zeigen beispielsweise Altdorfer oder sein jüngerer Bruder Erhard mit ihren Federzeichnungen Weiden und Fichten, die nicht wie statische Bäume, sondern wie unheimlich belebte Wesen wirken.
Die folgende Sektion, „Mittel des Expressiven", widmet sich eingehend den verschiedenen Ausdrucksformen in der Kunst der Zeit. Anhand von bewusster Deformation, Ornamentalisierung, Dramatisierung und Verzerrung sowie durch Linienführung, Lichtgestaltung, Farbigkeit und Pathos unterlaufen die Künstler traditionelle Seherwartungen und präsentieren die dargestellten Figuren in einer neuen, unerwarteten und oft geradezu modern wirkenden Weise. Eine extreme Steigerung der Bildwirkung erreicht beispielsweise Altdorfer in seinem Gemälde Geburt Christi (um 1511) durch den Einsatz der Farbe und die Gestaltung des Lichts. Eine enorme Verzerrung und Verformung zeigt die Figur des Heiligen Abtes (um 1520/30) eines niederbayerischen Künstlers. Der menschliche Körper wird von der neuen Künstlergeneration als „Gestaltungsmasse“ begriffen, die abseits von etablierten Idealvorstellungen modelliert werden kann.
Der abschließende Teil der Ausstellung widmet sich dem Thema „Künstler und Auftraggeber". Dabei wird die Rolle der Auftraggeber von Kunstwerken bei der Ausprägung dieses neuen Stils in den Blick genommen. Mit dem Gebetbuch Kaiser Maximilians I. (1514/1515) aus der Bibliothèque Municipale in Besançon rückt abermals die Bedeutung Dürers und seine Funktion als Reibungsfläche, aber auch als Inspirations- und Ausgangspunkt für die Vertreter des neuen Stils in den Fokus. Die jüngst gewonnenen Erkenntnisse zu den Financiers und Auftraggebern von großen Skulpturenensembles der vor allem für böhmische Kirchen geschaffenen Retabel und Epitaphien lassen zudem die besonderen Produktionsbedingungen und -mechanismen dieser zum Teil monumentalen Auftragswerke erkennen.
Die im Rahmen der Ausstellung ausführlich behandelten Themen und neu gewonnenen Erkenntnisse bieten einen umfassenden und frischen Blick auf das einzigartige Phänomen des Expressiven in der Kunst um 1500.
FANTASTISCHE WELTEN. ALBRECHT ALTDORFER UND DAS EXPRESSIVE IN DER KUNST UM 1500
Kuratoren: Dr. Stefan Roller (Liebieghaus Skulpturensammlung), Prof. Dr. Jochen Sander
(Städel Museum)
Ausstellungsdauer: 5. November 2014 bis 8. Februar 2015
Pressevorbesichtigung: Dienstag, 4. November 2014, 11.00 Uhr
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Besucherdienst: +49(0)69-605098-232, besucherdienst@staedelmuseum.de
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa und So 10.00–18.00 Uhr, Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: 24.12.2014 geschlossen, 25.12. und 26.12.2014 10.00–18.00 Uhr, 31.12.2014 geschlossen, 1.1.2015 11.00–18.00 Uhr.
Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 10 Euro, Familienkarte 20 Euro; samstags, sonn- und feiertags 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Familienkarte 24 Euro; freier Eintritt für Kinder bis zu 12 Jahren; Gruppen ab 10 Personen: ermäßigter Eintrittspreis pro Person. Für Gruppen ist vorab eine Anmeldung erforderlich.
Kartenvorverkauf unter: tickets.staedelmuseum.de
Katalog: Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher, von Stefan Roller und Jochen Sander herausgegebener Katalog. Mit einem Vorwort von Max Hollein und Beiträgen von Daniela Bohde, Katrin Dyballa, Markus Hörsch, Susanne Jaeger, Guido Messling, Jochen Sander und Matthias Weniger. Deutsche Ausgabe, ca. 290 Seiten, Hirmer Verlag, 34,90 Euro (Museumsausgabe).
Begleitheft: Zur Ausstellung erscheint ein 36-seitiges Begleitheft (ab 12 Jahren), 7,50 Euro, im Klassensatz für Schulen 1 Euro pro Heft.
Social Media: Das Städel Museum kommuniziert die Ausstellung in den sozialen Medien mit den Hashtags #FantastischeWelten und #staedel.
Überblicksführungen durch die Ausstellung: Donnerstags 19.00 Uhr, samstags 11.00 Uhr, sonntags 15.00 Uhr. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Tickets: 4 Euro zzgl. des Eintrittspreises, erhältlich ab zwei Stunden vor Führungsbeginn, samstags ab 10.00 Uhr an der Städel Kasse.
Sonderführungen auf Anfrage unter: +49(0)69-605098-200; info@staedelmuseum.de
Gefördert durch: Kulturfonds Frankfurt RheinMain, Sparkassen-Finanzgruppe
Mit Unterstützung von: Art Mentor Foundation Lucerne
Medienpartner: Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main, Weltkunst
200 JAHRE STÄDEL:
DAS AUSSTELLUNGSPROGRAMM
MONET UND DIE GEBURT DES IMPRESSIONISMUS – DIE 80ER. FIGURATIVE MALEREI IN DER BRD – DIALOG DER MEISTERWERKE. HOHER BESUCH ZUM JUBILÄUM – U. V. M.
Mit der Niederschrift seines Testaments legte Johann Friedrich Städel im Jahre 1815 den Grundstein für Deutschlands älteste bürgerliche Museumsstiftung. Dieser geschichtsträchtige Tag jährt sich am 15. März 2015 zum 200. Mal. Das Städel feiert sein Jubiläum im kommenden Jahr mit einer Vielzahl von hochkarätigen Ausstellungs- und Forschungsprojekten, zahlreichen bedeutenden Erwerbungen und Sammlungserweiterungen, einem großen Bürgerfest sowie einem massiven Ausbau seines Vermittlungsprogrammes, besonders im digitalen Bereich.
JEAN-JACQUES DE BOISSIEU. EIN ZEITGENOSSE STÄDELS
11. Februar bis 10. Mai 2015
Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung
Schon zu Lebzeiten war Jean-Jacques de Boissieu (1736–1810) auch über die Grenzen Frankreichs hinaus ein hochgeschätzter Künstler. Seine in Zeichnung und Druckgrafik ausgeführten Landschaften, Genreszenen und Porträts begeisterten nicht nur Fürsten, sondern auch private Sammler wie Johann Friedrich Städel. Der Gründer des Städelschen Kunstinstituts erwarb mehr als 20 Zeichnungen und weit über 200 Radierungen des Künstlers, die noch heute zum Kernbestand der Graphischen Sammlung des Städel Museums zählen. Das künstlerische Werk de Boissieus, welches in einer Zeit historisch umwälzender Ereignisse entstand, spiegelt in einer fast irritierend unaufgeregten und seriösen Stetigkeit Landschaft und Leben in der Provinz um seine Heimatstadt Lyon. Fortschrittlich zeigte de Boissieu in seinen radierten Landschaften und Bildnissen sowie den fein nuancierten Pinsel- und Kreidezeichnungen eine Wirklichkeitsnähe, die auf eine von akademischen Normen unabhängige, bürgerliche Kunstauffassung verweist.
Kuratorin: Dr. Jutta Schütt
MONET UND DIE GEBURT DES IMPRESSIONISMUS
11. März bis 28. Juni 2015
Ausstellungshaus
Mit Claude Monets 1868/69 entstandenem Gemälde Das Mittagessen verfügt das Städel Museum über ein Schlüsselwerk des frühen Impressionismus. Ausgehend von diesem Werk – und dem höchst qualitätsvollen Sammlungsbestand früher impressionistischer Arbeiten von Auguste Renoir, Édouard Manet, Edgar Degas, Alfred Sisley und Paul Cézanne – nimmt das Städel ab Frühjahr 2015 die Anfänge der impressionistischen Bewegung in den Blick. Diese umfassende Jubiläumsausstellung, mit der das Städel sein 200-jähriges Bestehen feiert, knüpft an die eigene Sammlungsgeschichte an: Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich der damalige Museumsdirektor Georg Swarzenski leidenschaftlich für die französische Kunst ein, die heute einen wichtigen Sammlungsschwerpunkt des Hauses bildet. Die Sonderausstellung beleuchtet, inwiefern sich in der Malerei der Impressionisten eine zeitgenössische Seherfahrung manifestiert und wie sich die bildliche Umsetzung dieses „modernen Blicks“ im Laufe der Jahre verändert. Anhand einer Auswahl von über 90 Gemälden, darunter zahlreiche weltberühmte Leihgaben aus internationalen Museen – wie Claude Monets La Grenouillère (1869) aus dem Metropolitan Museum of Art, New York, L’Étang à Montgeron (1877) aus der Eremitage in St. Petersburg oder das monumentale Bild Mittagessen (1874) aus der Sammlung des Pariser Musée d’Orsay –, können die einzelnen Entwicklungslinien des Impressionismus und der Wandel des Verhältnisses von Inhalt und Form veranschaulicht werden. Ergänzt wird die Präsentation der impressionistischen Malerei durch Fotografien sowie Karikaturen, die sich mit der künstlerischen Strömung auseinandersetzen.
Kurator: Dr. Felix Krämer
Gefördert durch: Commerzbank-Stiftung
Laster des Lebens. Druckgrafik von William Hogarth
10. Juni bis 6. September 2015
Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung
Mit den druckgrafischen Arbeiten des englischen Malers, Kupferstechers und Radierers William Hogarth (1697–1764) zeigt die Graphische Sammlung des Städel Museums Kunstwerke aus der Lebenszeit des Stifters Johann Friedrich Städel. Mit den Folgen Der Weg einer Dirne (1732), Der Weg eines Liederlichen (1735) und Die Heirat nach der Mode (1745) begründete Hogarth die neue Gattung des „modern moral subject“. Als aufmerksamer Zeitgenosse thematisierte er die Laster und Kehrseiten des modernen Lebens in der Metropole London. Hogarth verstand seine Werke als gedrucktes Theater seiner Zeit und legte den Grundstein für die gesellschaftskritische Karikatur in England. Die Graphische Sammlung des Städel verfügt über einen bedeutenden Bestand der Werke Hogarths; all jene Folgen, die ihn international berühmt machten, sind vollständig vorhanden. Die besondere Qualität dieser Arbeiten liegt im großen Interesse an individuellen Physiognomien, der scharfsinnigen Beobachtungsgabe und dem beißenden Witz dieses Künstlers, dessen Werke eine ganze Epoche prägten.
Kuratorin: Annett Gerlach
DIE 80ER. FIGURATIVE MALEREI IN DER BRD
22. Juli bis 18. Oktober 2015
Ausstellungshaus
In einer groß angelegten Sonderausstellung präsentiert das Städel Museum vom 22. Juli bis 18. Oktober 2015 „Die 80er. Figurative Malerei in der BRD“. Mit rund 100 Werken von insgesamt 27 Künstlerinnen und Künstlern beleuchtet die Schau jene neuartige, irritierende und überaus dynamische figurative Malerei, die sich in den 1980er-Jahren nahezu zeitgleich vor allem in den Zentren Berlin, Hamburg und dem Rheinland entwickelte. Zu sehen sind Arbeiten u. a. von Ina Barfuss, Werner Büttner, Walter Dahn, Jiří Georg Dokoupil, Rainer Fetting, Georg Herold, Martin Kippenberger, Helmut Middendorf, Christa Näher, Albert Oehlen, Salomé oder Andreas Schulze. Die Ausstellung beleuchtet die künstlerischen Zentren der BRD – etwa den Berliner Moritzplatz oder die Mülheimer Freiheit in Köln – und macht zugleich die figurative Malerei jener Jahre in ihrer ganzen Komplexität und Differenziertheit sichtbar. Die Künstlerinnen und Künstler, die den Kunstbetrieb um 1980 mit einer ungezügelten Intensität und hohem malerischen Tempo auf den Kopf stellten, schufen figurative Bilder, die eine kritische Auseinandersetzung mit der Tradition der Malerei, den Nachkriegsavantgarden und ihrer unmittelbaren Gegenwart wagten. Die Themen entstammten in erster Linie dem unmittelbaren Umfeld der Künstler. Der etablierte Kunstbetrieb wird dabei genauso zum Inhalt der Bilder, wie die homosexuelle Emanzipation oder die rauschende Geschwindigkeit der internationalen Club- und Musikszene, die ab Mitte der 1970er-Jahre durch New Wave und Punk vermittelt wurde. Die Protagonisten der Zeit waren dennoch alles andere als eine homogene malerische Bewegung. Vielmehr zeichnet sich die Malerei jenes Jahrzehnts zwischen Studentenrevolte und wiedervereinigtem Deutschland durch ein vielschichtiges, zum Teil widersprüchliches Nebeneinander unterschiedlicher Strömungen, Einflüsse und Befindlichkeiten aus. Die Sammlung Gegenwartskunst des Städel Museums mit ihrem spezifischen Fokus auf der Malerei nach 1945 stellt einen idealen Rahmen für die Präsentation dieser ereignisreichen Dekade dar.
Künstlerliste: Hans Peter Adamski, Peter Angermann, Elvira Bach, Ina Barfuss, Peter Bömmels, Werner Büttner, Luciano Castelli, Walter Dahn, Jiří Georg Dokoupil, Rainer Fetting, G. L. Gabriel, Georg Herold, Gerard Kever, Jan Knap, Milan Kunc, Martin Kippenberger, Helmut Middendorf, Christa Näher, Gerhard Naschberger, Albert Oehlen, Markus Oehlen, Salomé, Andreas Schulze, Bettina Semmer, Volker Tannert, Thomas Wachweger und Bernd Zimmer.
Kuratoren: Dr. Martin Engler, Franziska Leuthäußer
Gefördert durch: Deutsche Bank AG
DIALOG DER MEISTERWERKE. HOHER BESUCH ZUM JUBILÄUM
7. Oktober 2015 bis 24. Januar 2016
Sammlungspräsentationen Alte Meister, Kunst der Moderne, Gegenwartskunst, Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung
Anlässlich ihres 200-jährigen Bestehens erwartet die Städelsche Sammlung internationalen Besuch. In einer von allen Kustoden des Städel gemeinsam konzipierten Schau werden zentrale Werke der eigenen Sammlung mit Meisterwerken aus den renommiertesten Museen der Welt zusammengebracht. Inhaltlich wie räumlich werden sich diese reizvollen und herausfordernden Vergleiche über alle Sammlungsbereiche des Städel Museums erstrecken: An rund 80 ausgewählten Positionen findet der Besucher für die Dauer von dreieinhalb Monaten temporäre „Partnerschaften“. Jan van Eycks Verkündigung (um 1434/36) reist beispielsweise aus Washington an und trifft auf die Lucca-Madonna (1437) des Meisters aus dem Städel. Die beiden Gemälde zählen zu den schönsten und inhaltlich komplexesten Marienbildern des bekanntesten altniederländischen Künstlers und befanden sich bis 1850 gemeinsam in der glanzvollen Altmeistersammlung König Willems II. der Niederlande. In der Gegenüberstellung von Edgar Degas’ Die Orchestermusiker (1872–1876) mit seinem Werk Das Ballett aus Meyerbeers Oper „Robert Le Diable“ (1876) lassen sich intensive inhaltliche wie motivische Bezüge herstellen, besonders im Hinblick auf die dargestellte Beziehung zwischen Orchester und Tänzerinnen. Das Frühwerk des Malers Georg Baselitz wird durch das Zusammentreffen von Leihgaben wie Geschlecht mit Klößen (1963) mit seinen Gemälden aus der Sammlung des Städel Museums wie Acker (1962) als bedeutender Bestandteil deutscher Malereigeschichte im 20. Jahrhundert präsentiert. In die Graphische Sammlung kommen unter anderem Werke von Elsheimer, Goltzius und Ernst Ludwig Kirchner zu Besuch. Im Rahmen dieser insgesamt rund 80 Gegenüberstellungen von bedeutenden „Jubiläumsgästen“ mit Werken der Sammlung des Hauses werden nicht nur spannende und teils überraschende kunstgeschichtliche und historische Bezüge hergestellt, sondern auch die Bestände der eigenen Sammlung neu befragt.
Kuratoren: Dr. Bastian Eclercy, Dr. Martin Engler, Dr. Felix Krämer, Dr. Eva Mongi-Vollmer, Prof. Dr. Jochen Sander, Dr. Jutta Schütt, Dr. Martin Sonnabend
Gefördert durch: DZ Bank
JOHN BALDESSARI
5. November 2015 bis 24. Januar 2016
Ausstellungshaus
Anlässlich des 200-jährigen Städel-Jubiläums hat der amerikanischen Künstler John Baldessari (*1931 in National City, Kalifornien) mit Werkvorlagen aus der Sammlung des Städel Museums eine neue Serie geschaffen, die das Städel im Winter 2015/16 präsentiert. Meisterwerke von Lucas Cranach d. Ä, Agnolo Bronzino, Dirck van Baburen oder Maria Lassnig dienten Baldessari als visuelles Material für großformatige Bildcollagen. Seit den späten 1960er-Jahren gehört Baldessari zu den einflussreichsten Figuren der internationalen Kunstszene. Als ein herausragender Vertreter der Konzept- und Medienkunst hat er einen eigenständigen und unverwechselbaren Bildbegriff zwischen Malerei und Fotografie, Text und Bild entwickelt. In seiner Kunst verwendet und reflektiert er Bildstrategien der klassischen Moderne, etwa die Montage oder die Integration von Alltagselementen, um diese mit Ansätzen der Nachkriegsavantgarden – wie deren Konsum- und Mediendiskurs – zu konfrontieren. In der Tradition seiner Auseinandersetzung mit der komplexen Beziehung zwischen Malerei und Fotografie reflektiert Baldessari in seiner neuen Werkgruppe ganz unterschiedliche Arbeiten der Sammlung des Städel und kontrastiert diese mit Text und Monochromie, Fotografie und Konzept. Das Ergebnis ist ein Gegen- und Miteinander, das alte wie jüngere Kunstwerke gleichermaßen befragt und neu sichtbar werden lässt.
Kurator: Dr. Martin Engler
Titel- und Laufzeitänderungen vorbehalten
Veranstaltungsprogramm Dezember 2014
Max Hollein, seit 2006 in Personalunion Direktor des Städel Museums, der Liebieghaus Skulpturensammlung und der Schirn Kunsthalle Frankfurt, verlängert sein Engagement in Frankfurt bis 2018. Wie der Vorsitzende der Administration des Städel Museums, Prof. Dr. Nikolaus Schweickart, mitteilt, ist Holleins laufender Vertrag mit dem Städelschen Kunstinstitut, der auch die Leitung der beiden übrigen Häuser miteinschließt, entsprechend verlängert worden.
„Wir sind außerordentlich glücklich darüber, dass Max Hollein seine erfolgreiche Tätigkeit an der Spitze der drei bedeutenden Frankfurter Kulturinstitutionen fortsetzen wird und er sich – trotz anderweitiger Angebote – entschieden hat in Frankfurt zu bleiben. Max Hollein hat mit seiner bisherigen Arbeit Maßstäbe gesetzt und das Städel nicht zuletzt durch eine inhaltliche und räumliche Erweiterung in neue Dimensionen geführt“, so Schweickart.
Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Schirn, betont: „Max Hollein hat die Schirn zu einem der profiliertesten, bekanntesten und spannendsten Ausstellungshäuser in ganz Europa entwickelt. Das vielseitige Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm aller drei von ihm geführten Häuser verdeutlicht die Lebendigkeit, Offenheit und ungebrochene Relevanz dieser Kulturinstitutionen für Frankfurt und weit darüber hinaus. Hervorzuheben ist aus meiner Sicht besonders seine Freude an der Verknüpfung von Exzellenz und Breitenorientierung."
Prof. Dr. Felix Semmelroth, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt am Main, zeigte sich hochzufrieden mit Holleins Entscheidung: „Eine gute Nachricht für Frankfurt! Max Hollein ist es gelungen, innovative künstlerische Perspektiven aufzuzeigen und dadurch neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das vielfältige Programm der drei Häuser findet regelmäßig größte Anerkennung beim Publikum und der internationalen Fachwelt. Die hohe Qualität und Einmaligkeit der konzipierten Schauen avancieren zu einem „Must-See“. Das macht die Institutionen zu einem Impulsgeber und trägt maßgeblich dazu bei, Frankfurt als bedeutende Kulturstadt auf der internationalen Museumskarte zu verankern.“
Der 1969 in Wien geborene Max Hollein ist seit 2001 Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt sowie seit Januar 2006 Direktor des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung.
PRESSEKONTAKT
Axel Braun (Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)
Städel Museum, Dürerstraße 2, D-60596 Frankfurt, Telefon: +49 (0)69 60 50 98-170,
Fax: +49 (0)69 60 50 98-188, E-Mail: braun@staedelmuseum.de
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Standpunkte zur Kunst“ spricht der Düsseldorfer Maler und langjährige Lehrer an der Düsseldorfer Akademie, Konrad Klapheck (*1935), im Städel Museum über seine unverkennbaren Maschinenbilder. Einer der großen Einzelgänger unter den Malern der Gegenwart wird in seinem Vortrag sein kürzlich vom Städelkomitee 21. Jahrhundert erworbenes, frühes Hauptwerk Der Gesetzgeber (1969) vorstellen sowie, darauf aufbauend und anhand eines Lichtbildervortrages, auf sein Schaffen der vergangenen fünf Jahrzehnte eingehen. Zwischen Pop-Art, Surrealismus, Neo- oder auch Magischem Realismus fand Klapheck zu einer ganz eigenständigen künstlerischen Ausdrucksform. Seine Maschinenbilder machten ihn zu einem der wichtigsten Protagonisten der deutschen Nachkriegskunst. Konrad Klaphecks Malerei entfaltet unter ihrer realistisch kühlen Oberfläche ein surreales Eigenleben, das sich aus Psychologie und Geschichte, aus Privatem und Kollektivem gleichermaßen speist. Der Vortrag „Maschine und Ich“ findet am Donnerstag, 20. November 2014, um 19.00 Uhr im Metzler-Saal des Städel Museums statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Der 1935 geborene Konrad Klapheck fertigte mit nur zwanzig Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie sein erstes „Porträt“ einer Kontinental-Schreibmaschine an und legte damit den Grundstein für ein außergewöhnlich konsequentes und eigenständiges Oeuvre. Seine Gemälde von technischen Alltagsgegenständen wie Schreibmaschinen, Nähmaschinen, Wasserhähne, Bügeleisen oder Baumaschinen sind zu einem Markenzeichen geworden. In seltsam isolierten, raum- und zeitlosen Kompositionen sind die Gebrauchsgegenstände ihrem eigentlichen Zweck enthoben. Im Wechselspiel mit bezeichnenden Titeln wie Der Hausdrachen, Die Fanatikerin oder Der Spaßvogel werden seine Werke zu inhaltlich aufgeladenen Spiegelbildern des Menschen.
Das für das Städel Museum erworbene Werk Der Gesetzgeber gehört zur ersten Werkgruppe seiner Maschinenbilder: der Schreibmaschinen, Symbol für das Verwaltungs- und Wirtschaftsleben im Nachkriegsdeutschland. Das 1969 entstandene Gemälde steht am Ende einer Variationsreihe von Schreibmaschinendarstellungen: Der Chef (1965) – Der Herrscher (1966) – Der Diktator (1967) – Der Gesetzgeber (1969).
Der Gesetzgeber zählt zu den außergewöhnlichen Neuerwerbungen des deutschlandweit einzigartigen „Städelkomitee 21. Jahrhundert“. Das 2007 von Sylvia von Metzler ins Leben gerufene Gremium besteht aus über 40 Privatpersonen, die das Städel Museum beim Ankauf wichtiger Werke der Gegenwartskunst unterstützen und dem Städel damit ermöglichen, seine Sammlung der Kunst nach 1945 strategisch zu verstärken und weiter auszubauen.
Der Gesetzgeber wird seit wenigen Tagen gemeinsam mit Werken von Gerhard Richter, Wolf Vostell, Thomas Bayrle, Sigmar Polke und anderen an zentraler Stelle in den Gartenhallen präsentiert. Die Gelegenheit, weitere Werke von Konrad Klapheck in Frankfurt zu sehen, bietet noch bis zum 8. Februar 2015 die Ausstellung „German Pop“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Als einer der ersten Künstler seiner Zeit wendet sich Klapheck im Nachkriegsdeutschland wieder einer gegenständlichen Malerei zu und macht damit den Weg frei für einen „Kapitalistischen Realismus“ im Sinne des Pop.
Standpunkte zur Kunst: Konrad Klapheck „Die Maschine und Ich“
Donnerstag, 20. November 2014, 19.00 Uhr
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-200, Fax +49(0)69-605098-111
Ort: Metzler-Saal, Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Veranstaltungsprogramm Januar 2015
Dagmar Westberg feiert heute ihren 100. Geburtstag im Städel Museum. Aus diesem Anlass hat die langjährige Förderin des Städel und Gründerin der Dagmar-Westberg-Stiftung dem Frankfurter Museum ein äußerst kostbares und kunsthistorisch bedeutsames Werk für seine Altmeister-Sammlung gestiftet: das um 1615/16 entstandene Gemälde „Der Heilige Jakobus der Ältere“ von Jusepe de Ribera (1591–1652). Ribera zählt zu den wichtigsten Malern des 17. Jahrhunderts und vereint die künstlerischen Errungenschaften zweier europäischer Schulen in einer Person. In der Provinz Valencia geboren, kann er als der bedeutendste spanische Maler neben Diego Velázquez (1599–1660) gelten, doch verbrachte er sein ganzes Künstlerleben in Italien – zunächst in Rom, danach im spanischen Vizekönigtum Neapel – und gehört damit auch zu den einflussreichsten Malern des italienischen Barock. Im Städel Museum hängt das Meisterwerk ab sofort im großen Italiener-Saal und ist damit, nach vier Jahrhunderten in Privatbesitz, erstmalig und endgültig in einer öffentlichen Sammlung zu besichtigen.
„Seit nunmehr fast 200 Jahren lebt das Städel Museum vom Engagement einzelner Bürgerinnen und Bürger. Dieser Traditionslinie folgend ist Dagmar Westberg ein leuchtendes Vorbild und eine in jeder Hinsicht herausragende Persönlichkeit, der wir zu größtem Dank verpflichtet sind. Ihre Schenkung des ‚Heiligen Jakobus des Älteren‘ von Ribera kann ohne Zweifel als Meilenstein in der langen Sammlungsgeschichte des Hauses angesehen werden. Ein schöneres Geschenk – zumal aus dem besonderen Anlass ihres 100. Geburtstages – hätten wir uns nicht träumen lassen können. Wir sind glücklich und stolz, dass Frau Westberg ihren Ehrentag im und mit dem Städel feiert“, so Städel-Direktor Max Hollein.
Die 1914 in Hamburg geborene und in Frankfurt lebende Dagmar Westberg ist eine der bedeutendsten Mäzenatinnen des Frankfurter Städel Museums. Bereits in den vergangenen Jahren nahm die Förderin ihre Geburtstage zum Anlass, um das Städel mit Spenden und wichtigen Zuwendungen zu unterstützen. So stiftete Westberg unter anderem 2008 den Altar des „Meisters der von Grooteschen Anbetung“, ein Triptychon aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts, das zu den bedeutendsten niederländischen Werken seiner Zeit zählt. 2013 ermöglichte Dagmar Westberg dem Museum die Erwerbung einer seltenen Lithographie von Francisco Goya sowie einer Druckgraphik von Edvard Munch. Darüber hinaus unterstützt sie mit Mitteln der Dagmar-Westberg-Stiftung regelmäßig wichtige Ankäufe für die Graphische Sammlung des Städel. In den vergangenen Jahren wurden u. a. Zeichnungen von Carl Spitzweg, Max Klinger, Henri Michaux und Almut Heise sowie druckgraphische Werke von Max Beckmann, Candida Höfer, Tacita Dean und Paul Morrison erworben. Ebenso setzt sich Frau Westberg für die allgemeinen Belange des Städel ein und hat eine immerwährende Patenschaft für einen Saal in der Altmeister-Abteilung übernommen.
Aus einer baltisch-hamburgischen Unternehmerfamilie stammend arbeitete Dagmar Westberg mehrere Jahrzehnte für die amerikanischen Generalkonsulate in Hamburg, Berlin und seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Frankfurt am Main. Bereits ihr Großonkel Oskar Troplowitz, Erfinder von Produkten wie Leukoplast, Hansaplast, Tesa-Klebeband und Nivea, der die Firma Beiersdorf zum Erfolg führte, war ein großer Kunstmäzen und vermachte der Hamburger Kunsthalle 26 Gemälde, darunter Hauptwerke französischer und deutscher Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts wie Auguste Renoir, Alfred Sisley, Pablo Picasso oder Max Liebermann. Seine Großnichte Dagmar Westberg setzt diese Tradition fort. Neben dem Städel Museum unterstützt die Mäzenatin mit großem persönlichem Engagement zahlreiche weitere soziale, kulturelle und Bildungsprojekte. Zu den von ihr geförderten Einrichtungen und Stiftungen zählen das Frankfurter Mädchenhaus FeM, die Cronstetten-Stiftung, das „German Summer Work Program“ an der Princeton University sowie die Goethe-Universität Frankfurt am Main. 2008 wurde ihr Engagement durch die Verleihung der Georg-August-Zinn-Medaille des Landes Hessen ausgezeichnet.
Jusepe de Ribera (Játiva 1591 – 1652 Neapel)
Der Heilige Jakobus der Ältere, um 1615/16
Daten und Fakten
Das für das Städel Museum erworbene Gemälde zeigt den Apostel Jakobus den Älteren im stattlichen Format von 133,1 x 99,1 cm, das den für die römische Malerei charakteristischen Maßen einer sog. tela d’imperatore („Kaiserleinwand“) entspricht. In dem Werk tritt dem Betrachter eine monumentale Halbfigur von geradezu skulpturaler Präsenz entgegen. Der Apostel steht vor einer dunklen Wand und wird durch einen sich darauf markant abzeichnenden Lichtkegel von links oben beleuchtet – eine Lichtsituation, wie sie für Caravaggio und seine Nachfolger typisch ist. In der Rechten hält er mit fester Hand sein Attribut, den langen Pilgerstab, mit der vor den Körper gehaltenen linken Hand umklammert er ein Buch. Auf sein Pilgertum verweist auch das im Licht aufglänzende Abzeichen aus zwei kleinen, sich überkreuzenden Pilgerstäben, das er sich oberhalb der Brust ans Gewand geheftet hat. Die von Wetter und Arbeit gegerbten, im Wortsinne zupackenden Hände des Jakobus sind in einem geradezu provozierenden Naturalismus wiedergegeben, den Caravaggio kurz zuvor in die Kunst eingeführt hat. Sein Gewand, eine hellgraue Tunika und darüber ein leuchtend roter Mantel, ist nicht reich an Verzierung, wohl aber an Volumen. In einer großen Bahn hat Jakobus den Mantel über die linke Schulter gelegt und rafft ihn mit der linken Hand, sodass der kräftige Stoff ein aufwendig geformtes Gebirge von Falten ausbildet. Durch Licht und Schatten gewinnt das beinahe abstrakte Faltenmuster des Stoffes an wuchtiger Plastizität. Die leichte, aber merkliche Drehung des Körpers mit der Wendung der linken Schulter zum Betrachter und die Gegenläufigkeit der Arme und Hände verleihen der Figur ein dynamisches Moment. Die Monumentalität der Haltung, der wie schützend vor den Körper gelegte Arm und das dem Betrachter plastisch entgegendrängende Faltenwerk verstärken die Präsenz des Apostels bei seinem Auftritt auf der Bühne des Bildes.
Die besondere Kunst Riberas zeigt sich in der Art und Weise, wie er diese Wucht in der Figur selbst wieder relativiert. Es ist das sanft zur Seite geneigte Haupt des Jakobus, das noch eine andere Facette des Heiligen ins Spiel bringt. Ribera setzt den Kopf besonders in Szene, indem er ihn als einzigen Teil der Figur direkt im Lichtkegel platziert und zusätzlich noch mit einer Lichtaureole hinterfängt. Frontal blickt der Apostel aus tiefdunklen, glänzenden Augen auf den Betrachter, den Mund leicht geöffnet. Alles an diesem Antlitz ist fein, edel und elegant – der Schwung der Lippen, die Konturen der Ohren und die bewegten Strähnen des braun gelockten Haares. Die Sanftheit des Gesichtes steht in subtilem Kontrast zum kraftvollen Ausdruck des Körpers. Diese Ambivalenz zwischen Auftritt und Erscheinung, zwischen Präsenz und Entrückung kennzeichnet das Gemälde als ein feinsinnig durchdachtes Meisterwerk des frühen Ribera. Das Gemälde ist gegen Ende seines Aufenthalts in Rom in den Jahren um 1615/16 entstanden, kurz bevor Ribera nach Neapel aufbrach und sich dort für den Rest seines Lebens niederließ.
Kunsthistorische Einordnung
Zunächst war das Gemälde dem sogenannten „Meister des Salomourteils“ zugewiesen worden, der sich inzwischen als Fiktion der Forschung entpuppt hat. Seit 1978 wird es in der Literatur überzeugend und einhellig als Frühwerk Riberas geführt und hat Eingang in alle einschlägigen Werkverzeichnisse gefunden. Die Qualität von Konzeption und malerischer Ausführung des in sehr gutem Erhaltungszustand überkommenen Bildes ist herausragend. Die Autorschaft Riberas belegt insbesondere der stilistische Vergleich mit für Ribera gesicherten Werken wie den „Heiligen Petrus und Paulus“ in Straßburg, dem „Heiligen Sebastian“ in Osuna und dem „Reuigen Petrus“ in New York, die in Gesichtsbildung und Faltenmodellierung dem Apostel Jakobus bis ins handschriftliche Detail äußerst nahestehen. Eine um 1630 entstandene Darstellung desselben Heiligen im Prado zeigt eindrucksvoll, wie Ribera etwa 15 Jahre später in einer anderen Stilphase auf sein Frühwerk zurückgegriffen hat. Eine bedeutsame Stellung kommt dem Bild jedoch nicht nur innerhalb des Œuvres des spanischen Meisters zu, sondern auch bezüglich seiner Rezeption durch die Zeitgenossen. Sogar der acht Jahre jüngere Diego Velázquez dürfte für seinen im Musée des Beaux-Arts in Orléans bewahrten „Heiligen Thomas“, der nur wenige Jahre später entstand, wesentliche Anregungen von Riberas Gemälde empfangen haben.
Provenienz
In Rom führte der junge Maler nach Ausweis der Quellen ein bohemienhaftes Leben und machte sich mit seiner Kunst rasch einen Namen. So sind Riberas Bilder in Inventaren einiger der vermögendsten römischen Sammler nachweisbar. Der als Mäzen Caravaggios bekannte Vincenzo Giustiniani etwa besaß allein 13 Werke des Spaniers. Giustiniani muss demnach mit Ribera in engem Kontakt gestanden und ihn ähnlich hoch geschätzt haben wie Caravaggio, dessen Bilder am zahlreichsten im Inventar vertreten sind. Besagtes Inventar erwähnt auch einen Heiligen Jakobus den Älteren von der Hand Riberas im Format der tela d’imperatore, der mit dem Frankfurter Bild identisch sein könnte. Im 20. Jahrhundert wurde der Jakobus durch eine Reihe von Besitzerwechseln sammlungsgeschichtlich aktenkundig. 1924 auf einer Auktion bei Leo Schidlof in Wien angeboten, ist er im Katalog erstmals bezeugt. 1927 wurde er in Berlin im Rahmen einer Ausstellung des Antiquitätenhauses Wertheim gezeigt; als Besitzer gibt der Katalog Ernst Lang an. Aus der Sammlung des in Asch ansässigen Ernst Adler erwarb der Privatsammler Ernst Seifert das Bild 1929 in Berlin auf einer Auktion bei Rudolph Lepke. Seifert behielt es über die Kriegsjahre fast drei Jahrzehnte und verkaufte es 1958 an den Münchener Kunsthändler Julius Harry Böhler. Dieser veräußerte es 1964 an eine Familie, aus deren Sammlung es die Kunsthandlung Bernheimer-Colnaghi kürzlich übernahm. Dort erwarb 2014 schließlich die Frankfurter Mäzenatin Dagmar Westberg das Gemälde, um es dem Städel Museum am 8. Dezember als Schenkung aus Anlass ihres 100. Geburtstages zu übergeben.
Einordnung in die Städelsche Sammlung und Rezeption
Im Städel schließt die Schenkung eine Lücke in der Altmeister-Sammlung. Gerade die Ursprünge der europäischen Barockmalerei, die in Italien in den Jahrzehnten um 1600 liegen, waren in der bürgerlichen Sammlung nur unzureichend vertreten. Einen ersten wichtigen Schritt bedeutete die Schenkung einer Madonna des Guercino (um 1621/22) aus der Sammlung Beaucamp 2010. Vielfältige Verbindungen lassen sich auch zu Guido Renis caravaggeskem „Christus an der Geißelsäule“ (1604), Dirck van Baburens „Singendem jungen Mann“ (1622) und Massimo Stanziones „Susanna und die beiden Alten“ (um 1630/35) knüpfen.
„Mit Riberas Jakobus ist ein herausragendes Beispiel der frühen Caravaggio-Rezeption in die Sammlung gelangt, das einen eindrucksvollen Akzent im großen Italiener-Saal setzt. Ein Bild, vor dem man stehenbleibt“, kommentiert Bastian Eclercy, Sammlungsleiter für italienische, französische und spanische Malerei vor 1800 im Städel Museum, die Schenkung.
Die großen Museen der Welt bewahren Riberas Werke, allen voran der Prado in Madrid und das Museo di Capodimonte in Neapel. Im Frankfurter Städel bedeutete das Fehlen eines Gemäldes des Künstlers bislang eine schmerzliche Lücke. Besonders vermisst wurde ein frühes Werk Riberas aus der stark von seiner Begegnung mit der Kunst Caravaggios geprägten Periode. Mindestens vier Jahre lang, von etwa 1612 bis 1616, hielt sich der Anfang Zwanzigjährige in Rom auf und geriet dort in den Bann jenes Meisters der Hell-Dunkel-Malerei und des Naturstudiums. Nur wenige Schriftquellen erhellen diese Werkphase Riberas, die erst in jüngster Zeit die verdiente Aufmerksamkeit der Forschung und des Publikums gefunden hat, insbesondere durch eine große Ausstellung in Madrid und Neapel 2011/12. Die Forschung erhielt dadurch einen regelrechten Schub, und so ist Riberas Frühwerk derzeit eines der am intensivsten diskutierten Themen in der Literatur zum italienischen Barock. Für Aufmerksamkeit sorgten dabei unter anderem im Jahr 2012 die Erwerbung eines großformatigen Ribera-Leinwandbildes des „Reuigen Petrus“ (um 1612/13) durch das Metropolitan Museum in New York und im selben Jahr der Ankauf von Riberas „Johannes Evangelista“ (um 1608) durch den Louvre in Paris. Mit dem Neuzugang durch die Schenkung von Dagmar Westberg ist das Städel jetzt in der glücklichen Lage, sich an dieser ganz aktuellen Diskussion mit einem gewichtigen Beitrag beteiligen zu können.
Bildangaben:
Jusepe de Ribera (Játiva 1591 – 1652 Neapel)
Der Heilige Jakobus der Ältere, um 1615/16
Öl auf Leinwand, 133,1 x 99,1 cm
Frankfurt am Main, Städel Museum
Gestiftet 2014 von Frau Dagmar Westberg, Frankfurt am Main
Städel Museum
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Besucherdienst: +49(0)69-605098-232, besucherdienst@staedelmuseum.de
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa und So 10.00–18.00 Uhr, Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: 24.12.2014 geschlossen, 25.12. und 26.12.2014 10.00–18.00 Uhr, 31.12.2014 geschlossen, 1.1.2015 11.00–18.00 Uhr
In Vorbereitung auf eine umfangreiche Sonderausstellung zur figurativen Malerei in der BRD der 1980er-Jahre, die im Sommer 2015 im Städel Museum stattfinden wird, veranstaltet das Städel am 24. Januar 2015 ein hochkarätig besetztes Symposium. Akteure und Wegbegleiter der deutschen Kunstszene der 1980er beleuchten in Vorträgen, Interviews und Diskussionsrunden die wieder aufkommende figurative Malerei jener Dekade, eine Kunst, die sich durch ihre ungezügelte Wucht und Kompromisslosigkeit auszeichnet. Zu den Teilnehmern des Symposiums zählen Künstler wie Helmut Middendorf, Salomé, Peter Bömmels oder Bettina Semmer sowie Galeristen und Kunsthistoriker wie Zdenek Felix, Walter Grasskamp, Max Hetzler und Ingrid Raab. Die rauschhaften Tage und Nächte außerhalb der Gemeinschaftsateliers und Galerien nehmen Contemporary Fine Arts-Chef Bruno Brunnet (ehemaliger Kellner im Exil), Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), Michel Würthle (Gründer der Paris Bar) und Klaus-Dieter Brennecke (SO36-Mitbegründer) in den Blick. Der Tag klingt mit einem DJ-Set von Markus Oehlen aus.
Das Symposium wird aus verschiedenen Perspektiven die spannenden Entwicklungen einer Malergeneration betrachten, die Ende der 1970er-Jahre in den Zentren Berlin, Hamburg und Köln erstmals für Aufsehen sorgte und nur wenige Jahre später international größte Erfolge feierte. Die Veranstaltung liefert mit der Beteiligung verschiedenster Experten und Zeitgenossen Impulse für eine facettenreiche Diskussion dieser wichtigen Phase der deutschen Kunstgeschichte, deren Ergebnisse Eingang finden werden in die Ausstellung „Die 80er. Figurative Malerei in der BRD“ im Städel. Das Symposium findet am Samstag, 24. Januar 2015, ab 14.00 Uhr im Metzler-Saal des Städel Museums statt. Der Eintrittspreis beträgt 14 Euro, ermäßigt 12 Euro. Um Anmeldung unter info@staedelmuseum.de wird gebeten. Das Symposium wird filmisch dokumentiert sowie auf Twitter live mit dem Hashtag #staedel80er begleitet.
In einem einführenden Vortrag wird der Kurator und Kunsthistoriker Zdenek Felix einen Rückblick auf die Malerei der 1980er-Jahre werfen und nach über 30 Jahren eine profunde Zwischenbilanz dieser künstlerischen Entwicklungen ziehen. Als Kurator der Ausstellung 10 junge Künstler aus Deutschland im Folkwang Museum in Essen zeigte er 1982 Werke der Kölner Künstler um die Mülheimer Freiheit sowie Arbeiten der Künstler der Berliner Galerie am Moritzplatz. Mit der späteren Präsentation Wahrheit ist Arbeit (1984), ebenfalls im Folkwang Museum, präsentierte er auch die Künstler Martin Kippenberger, Werner Büttner und Albert Oehlen und zeigte somit bereits sehr früh die drei wichtigsten Positionen der neuen figurativen Malerei, die sich ab Ende der 1970er-Jahre in Deutschland entwickelten, im Museumskontext.
In einer Diskussionsrunde, geleitet von Martin Engler (Sammlungsleiter Gegenwartskunst und Kurator der Ausstellung, Städel Museum), erörtern unter anderem die Galeristen Max Hetzler und Ingrid Raab sowie der Kunsthistoriker Walter Grasskamp die Wiederentdeckung und Neubewertung dieser noch immer wenig erforschten Epoche der deutschen Nachkriegsmalerei. Gemeinsam werden die Hintergründe und die Anfänge dieser Kunstentwicklung nachvollzogen.
In Künstlergesprächen reflektieren Bettina Semmer, Helmut Middendorf, Salomé, G. L. Gabriel und Peter Bömmels den Entstehungskontext und die Wirkung ihrer Werke. Außerdem wird es ein „Kneipengespräch“ mit Bruno Brunnet geben, der in den 1980er-Jahren bei dem Schriftsteller und Gastronomen Oswald Wiener als Kellner im Berliner Exil arbeitete und heute zu den erfolgreichsten deutschen Galeristen zählt. Er wird sich mit Michel Würthle, Sammler und Gründer der berühmten Paris Bar in Berlin, mit Blixa Bargeld, dem Frontman der deutschen Musikgruppe Einstürzende Neubauten und Klaus-Dieter Brennecke, ehemals Anteilseigner des Berliner Musikclubs SO36 unterhalten.
Der Blick dieser Zeitgenossen zeichnet die Interaktionen der verschiedenen Protagonisten aus der Kunst- und Musikszene nach und eröffnet weitere Perspektiven auf die Künstlerpersönlichkeiten dieser Zeit. So erlebte parallel zur Malerei Ende der 1970er-Jahre auch die Musik in Deutschland mit der entstehenden Stilrichtung des New Wave eine völlig neue Ausrichtung. Viele Künstler spielten in Bands oder verbanden ihre Performances mit Musik. In der Malerei werden diese Verquickungen vor allem in den Bildern der Künstler der Galerie am Moritzplatz sichtbar. Das Symposium endet mit einem DJ-Set von Markus Oehlen.
Das Symposium findet in Vorbereitung auf die vom 22. Juli bis 18. Oktober 2015 stattfindende Ausstellung „Die 80er. Figurative Malerei in der BRD“ statt. Trotz eines immer wieder proklamierten „Endes der Malerei“ entwickelte sich in den späten 1970er-Jahren nahezu parallel in Hamburg, Berlin und Köln eine figurative Malerei. Junge Maler ganz unterschiedlicher Richtungen schufen Bilder, die sich nicht an kunsthistorischen Stilen, Ismen und Gruppierungen orientierten. In einer Kombination aus Grenzüberschreitung, Nihilismus und Humor feierten sie die Wiederentdeckung der Malerei und widmeten sich subjektiv und direkt ihrer unmittelbaren Gegenwart. Innerhalb weniger Jahre wurde jene Generation von Malern nicht nur in Deutschland, sondern international rezipiert. Die Ausstellung zeigt rund 80 Werke von circa 20 Künstlern und macht die Dynamik dieser Malerei in ihrer ganzen Komplexität und Differenziertheit sichtbar.
Es sprechen u. a.: Jean-Christophe Ammann, Blixa Bargeld, Klaus-Dieter Brennecke, Bruno Brunnet, Peter Bömmels, Martin Engler, Harald Falckenberg, Zdenek Felix, Walter Grasskamp, Max Hetzler, Max Hollein, Friedhelm Hütte, Franziska Leuthäußer, Helmut Middendorf, Ingrid Raab, Salomé, Bettina Semmer, Michel Würthle und G. L. Gabriel-Thieler.
Symposium "Die 80er. Figurative Malerei in der BRD"
Samstag, 24. Januar 2015, ab 14.00 Uhr
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Eintritt: 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Anmeldungen unter info@staedelmuseum.de oder
Telefon +49(0)69-605098-200
Hashtag: #staedel80er
Änderungen vorbehalten.
Das vollständige Programm finden Sie auf www.staedelmuseum.de
Mit zwei außergewöhnlichen Neuzugängen startet das 1815 gegründete Städel Museum in sein Jubiläumsjahr: Das Frankfurter Museum erhält das um 1596/97 entstandene Gemälde Himmelfahrt Mariens von Guido Reni (1575–1642) sowie die kostbare Zeichnung Studie eines Aktes (Étude de Nu) (um 1888–1892) von Edgar Degas (1834–1917). Beide Arbeiten kommen als besondere Geburtstagsgeschenke des Städelschen Museums-Vereins ans Haus. Die Ankaufsmittel für Renis Himmelfahrt wurden vollständig durch eine erfolgreiche Spendenkampagne und das außerordentliche Engagement zahlreicher Mitglieder des 1899 gegründeten Vereins akquiriert. Der Erwerb der Degas-Zeichnung wurde durch eine großzügige Einzelspende einer Mäzenin ermöglicht.
Veranstaltungsprogramm August 2014
Das Städel Museum erweitert seinen Sammlungsbestand der Kunst der Moderne um eine wichtige Arbeit von Lotte Laserstein (1898–1993). Damit ist das Städel das erste öffentliche Museum in Deutschland außerhalb Berlins, das ein Werk dieser Künstlerin erworben hat. Laserstein studierte an der Berliner Kunstakademie und wurde dort 1925 mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Ihre erste Einzelausstellung hatte sie 1931 in der renommierten Berliner Galerie von Fritz Gurlitt. Die einsetzende Karriere wurde durch den Nationalsozialismus jäh beendet. 1937 sah sich die Künstlerin aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gezwungen, nach Schweden zu emigrieren, wo sie bis zu ihrem Tod 1993 lebte. Das Gemälde Russisches Mädchen mit Puderdose (1928) nahm die Künstlerin mit ins schwedische Exil. Ab 1954 wohnte sie in der südschwedischen Stadt Kalmar nahe Nybro. Das Ölgemälde ergänzt in der Städelschen Sammlung hervorragend den Bestand der Malerei der Weimarer Zeit und kann Arbeiten von Otto Dix, Maximilian Klewer, Ottilie Roederstein oder Karl Hubbuch an die Seite gestellt werden. Die im Werkverzeichnis der Künstlerin aufgeführte Arbeit wurde zuletzt 2005 in der Ausstellung „Sternverdunkelung“ im Judiska Museet (Stockholm) gezeigt und befindet sich in einem ausgezeichneten Zustand. Das Werk ist ab sofort in der Sammlungspräsentation „Kunst der Moderne“ im Städel Museum zu sehen.
„Nach mehrjährigen Bemühungen ist es uns gelungen, ein Hauptwerk von Lotte Laserstein für die Städelsche Sammlung zu sichern und unserem Publikum damit eine wichtige Protagonistin der Neuen Sachlichkeit zugänglich zu machen. Diesen Bereich der Kunstgeschichte konnten wir in den letzten Jahren dank einer Reihe von zentralen Erwerbungen signifikant ausbauen“, freut sich Max Hollein, Direktor des Städel Museums.
Ihre eindrucksvollsten Werke schuf Lotte Laserstein Ende der 1920er-Jahre und in den frühen 1930er-Jahren. Virtuos setzte sie Menschen der Zwischenkriegszeit ins Bild. Dabei zeichnen Kargheit, Melancholie und Modernität Lotte Lasersteins Darstellungen aus. In Hinblick auf Themen und Grundhaltung ihrer Werke deckt sich Lasersteins Ansatz mit demjenigen der Neuen Sachlichkeit, zugleich ist ihr Malstil weder objektivierend unterkühlt noch gesellschaftskritisch überzeichnet, wie es für diese Kunstrichtung charakteristisch ist. Lotte Laserstein schuf zahlreiche Porträts, in denen sie verschiedene zeitgenössische Frauentypen festhielt. Bei dem Gemälde Russisches Mädchen mit Puderdose handelt es sich um ein Hauptwerk der Künstlerin, welches ihre Formensprache und Modernität eindrücklich zur Geltung bringt. Es zeigt ein junges, modisch gekleidetes Mädchen mit einem für die Zeit typischen, burschikosen Haarschnitt. Die Dargestellte begutachtet ihre Frisur mithilfe einer Puderdose in einem großen Spiegel. Die flächige Malweise des Hintergrundes, der Kleidung und des Spiegels kontrastiert mit den präzise ausgeführten Details der Hände und des Gesichts. Effektvoll bedient sich Laserstein ästhetischer Stilmittel wie farblicher Hell-Dunkel-Kontraste und Frontalansicht.
1928 nahm Laserstein mit Russisches Mädchen mit Puderdose an dem Wettbewerb „Das schönste deutsche Frauenporträt“ teil, das unter 365 Werken für die Endrunde nominiert wurde. Die 26 ausgewählten Gemälde wurden in der Galerie Gurlitt ausgestellt und von einem breiten Publikum begeistert aufgenommen.
Aus eigener Initiative heraus hat das Frankfurter Museum Russisches Mädchen mit Puderdose aus dem Besitz der schwedischen Gemeinde Nybro erworben. Das Gemälde wurde in den 1970er-Jahren von einem Altersheim in Nybro von der Künstlerin angekauft. Die Gemeinde hatte das Altersheim – und mit ihm auch das Gemälde – in den 1990er-Jahren übernommen. Die Mittel des Ankaufs fließen vollständig in den Kulturetat der 20.000 Einwohner zählenden Gemeinde; unter anderem soll damit ein Mahnmal gegen Rassismus errichtet werden.
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Besucherdienst: +49(0)69-605098-232, besucherdienst@staedelmuseum.de
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa und So 10.00–18.00 Uhr, Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: 24.12.2014 geschlossen, 25.12. und 26.12.2014 10.00–18.00 Uhr, 31.12.2014 geschlossen, 1.1.2015 11.00–18.00 Uhr.
Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 10 Euro, Familienkarte 20 Euro; samstags, sonn- und feiertags 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Familienkarte 24 Euro; freier Eintritt für Kinder bis zu 12 Jahren; Gruppen ab 10 Personen: ermäßigter Eintrittspreis pro Person. Für Gruppen ist vorab eine Anmeldung erforderlich; telefonisch unter +49(0)69-605098-200.
Kartenvorverkauf unter: tickets.staedelmuseum.de
Das Städel Museum und der Arbeitsbereich Altersmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main haben ein medizinisches Pilotprojekt für Menschen mit Demenz gestartet. ARTEMIS (ART Encounters: a Museum Intervention Study) ist die erste umfassende wissenschaftliche Studie zur interaktiven Kunstvermittlung und den therapeutischen Potenzialen von Kunsttherapie bei Demenz im deutschsprachigen Raum. Im Rahmen des Projekts wird untersucht, welchen Beitrag regelmäßige Museumsbesuche und die interaktive Beschäftigung mit Kunst leisten können, um das emotionale Wohlbefinden und das Kommunikationsverhalten von Menschen mit leichter bis mittelgradiger Demenz zu steigern und die Beziehung zu ihren betreuenden Angehörigen zu verbessern. Zudem soll auf diese Weise Menschen mit Demenz und ihren durch die Pflege eingebundenen Angehörigen ein Stück gesellschaftliche Teilhabe und soziale Integration ermöglicht werden.
Das durch die Familie Schambach-Stiftung geförderte Projekt wurde heute gemeinsam von Prof. Dr. Johannes Pantel, Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt, dem Frankfurter Oberbürgermeister und Schirmherrn des Projekts, Peter Feldmann, Städel-Direktor Max Hollein sowie Dr. med. Hansjörg Werner, Vorstandsmitglied der Familie Schambach-Stiftung, im Städel Museum vorgestellt.
„Die Begegnung mit Kunst ist Teil unserer Kultur. Dass Menschen mit Demenz in vielerlei Hinsicht hiervon profitieren können, scheint erst einmal intuitiv richtig. Bislang steht der wissenschaftliche Nachweis allerdings noch aus. Dieser ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für eine breite Anwendung und soll durch das ARTEMIS-Projekt erstmalig erbracht werden“, so Pantel.
Peter Feldmann, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main, hat die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen. „Ich freue mich sehr, dass die Umsetzung des Projekts ARTEMIS in Frankfurt realisiert werden kann und dass das Städel als Kooperationspartner gewonnen werden konnte. In unserer Stadt leben viele Menschen mit Demenz, und dieses Projekt stellt eine enorme Bereicherung dar. Durch die Teilnahme am Projekt können Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen positive Erfahrungen machen und auch persönliche Entlastung erfahren. Darüber hinaus leisten sie auch einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung. Ich hoffe, dass wir das Projekt nachhaltig in die Frankfurter Museumskultur integrieren können und so vielen Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern, die von Demenz betroffen sind, über die Projektdauer hinaus einen Zugang zur Kultur ermöglichen können“, sagt Feldmann.
„Wir freuen uns ausgesprochen darüber, kultureller Kooperationspartner dieses wichtigen Projekts zu sein. Das Städel Museum bietet bereits ein breit gefächertes, sehr differenziertes Vermittlungsangebot für verschiedenste Besuchergruppen. Nun können wir auch Menschen mit Demenzerkrankungen und ihren Angehörigen besondere Kunsterlebnisse ermöglichen“, führt Hollein aus.
Gefördert wird das Projekt durch die Familie Schambach-Stiftung. „Die Familie Schambach-Stiftung fördert das Projekt, weil die Förderung regionaler Projekte auf dem Gebiet der Altersforschung ein wichtiger Teil des Stiftungszwecks ist, und weil gerade auf dem Gebiet der Demenzforschung hoher Forschungsbedarf besteht. Das Bedeutsame an diesem Projekt ist, dass nicht die Defizite der Menschen mit Demenz im Vordergrund stehen. ARTEMIS hat zum Ziel, durch Kunstbetrachtung die erhaltenen Fähigkeiten der Menschen mit Demenz zu wecken, zu fördern und Teilnehmer zu eigener Kreativität anzuregen“, so Werner.
Das Projekt ist für die Dauer von zwei Jahren angelegt. Der Auftakt fand im Oktober 2014 statt. Zwei Teilnehmergruppen, bestehend aus insgesamt sieben Demenzpatienten und je einem begleitenden Angehörigen, nehmen seitdem an etwa einstündigen thematischen Führungen durch speziell geschulte Kunstvermittler des Museums teil. Im Anschluss daran wird in den Städel Atelierräumen kreativ gearbeitet. Für das Jahr 2015 sind weitere Durchführungen geplant, für die noch Teilnehmer gesucht werden. Die Teilnahme an der Studie ist für die Studienteilnehmer kostenfrei und setzt keine künstlerische Begabung voraus. Bewusst werden verschiedene künstlerische Techniken in die Atelierarbeit aufgenommen: Collagen, Malerei, einfache Drucktechniken und Arbeiten mit Ton. Die Aufgaben sind so angelegt, dass die an Demenz erkrankte Person und ihr Begleiter miteinander in einen kreativen Austausch treten können.
Durch kreativ-therapeutische Ansätze wie Kunst- oder Musiktherapie können noch vorhandene kommunikative Potenziale gefördert und alternative Zugangswege zur Erlebniswelt von Menschen mit Demenz erschlossen werden. Für die Musiktherapie gibt es inzwischen eindeutige Wirksamkeitsbelege, insbesondere im Hinblick auf die Verbesserung des situativen Wohlbefindens und bestimmter Kommunikationsaspekte der Betroffenen. Für die Kunsttherapie stehen solche Beweise noch aus. Dies inspirierte die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Johannes Pantel, Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt, zu dem wissenschaftlich begleiteten ARTEMIS-Projekt.
Das ARTEMIS-Projekt ist die erste randomisierte und kontrollierte Studie zum Einfluss von Museumsbesuchen und künstlerischer Betätigung auf das emotionale Befinden von Menschen mit Demenz. Vor und nach dem Museumsbesuch werden in einer Kurzbefragung Daten zur Stimmung und zum Gedächtnis der Menschen mit Demenz erhoben. Die Studie vergleicht erstmals mithilfe einer Interventionsgruppe und einer Kontrollgruppe die Auswirkungen der interaktiven Auseinandersetzung mit Kunst im demenziellen Kontext. Die Zuteilung zu einer von beiden Gruppen erfolgt nach dem Zufallsprinzip. Die Teilnehmer in der Kontrollgruppe erhalten ebenfalls die Gelegenheit zu wöchentlichen Besuchen im Städel Museum, allerdings ohne Kunstführungen und anschließende Atelierarbeit.
Zusätzlich zu Standardtests, die in beiden Gruppen den Verlauf der Demenzerkrankung dokumentieren, ermitteln die Forscher auch die Belastung der Angehörigen, die Beziehung zwischen ihnen und den Erkrankten, Veränderungen der Lebensqualität und die Sicht auf die Zukunft. Mithilfe von Videoaufzeichnungen, die während der Atelierarbeit gemacht werden, soll das gemeinsame kreative Arbeiten einzelner Teilnehmer dokumentiert werden. Das streng vertraulich behandelte Videomaterial wird mit dem methodischen Ansatz der Zeitreihenanalyse ausgewertet. Dabei wird jedes Video in kurze Zeitsequenzen unterteilt, die von geschulten Beobachtern mit Blick auf die Kommunikationsfähigkeit, das Wohlbefinden und das emotionale Ausdrucksverhalten der gefilmten Personen ausgewertet werden. Anschließend werden Trendverläufe berechnet und Interventionseffekte nachgewiesen. Für das Jahr 2015 werden noch Projektteilnehmer gesucht.
Anmeldung und Informationen zum Projekt:
Dr. Valentina Tesky und Dipl.-Psych. Arthur Schall M. A., Goethe-Universität Frankfurt am Main, Institut für Allgemeinmedizin, Arbeitsbereich Altersmedizin,
Tel.: +49(0)69-6301-83621 und -7657; E-Mail: tesky@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de; schall@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de.