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Das Jubiläumsjahr des Städel Museums beginnt mit einer Ausstellung herausragender Zeichnungen und Radierungen des französischen Künstlers Jean-Jacques de Boissieu (1736–1810), die vom 11. Februar bis 10. Mai 2015 in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung gezeigt werden. Schon zu Lebzeiten war Boissieu über die Grenzen Frankreichs hinaus ein hochgeschätzter Künstler. Seine virtuos in Zeichnung und Druckgrafik ausgeführten Landschaften, Genreszenen und Porträts begeisterten nicht nur Fürsten, sondern vor allem auch private Sammler wie Johann Friedrich Städel (1728–1816). Der Gründer des Städelschen Kunstinstituts erwarb mehr als 20 Zeichnungen und weit über 200 Radierungen des Künstlers, die somit nicht nur zum alten Bestand des Städel Museums zählen, sondern insgesamt auch eine der größten Sammlungen von Werken Boissieus in Deutschland darstellen. Für die Sonderausstellung der Graphischen Sammlung sind hiervon nun 13 Zeichnungen sowie 83 Radierungen ausgewählt worden, die einen bemerkenswerten Einblick in das künstlerische Schaffen Boissieus geben. Während sein Œuvre in einer Zeit historisch umwälzender Ereignisse rund um die Französische Revolution entstand, zeigen die Werke selbst in einer fast irritierend unaufgeregten und seriösen Stetigkeit Landschaft und Leben in der Provinz um seine Heimatstadt Lyon. Fortschrittlich vertritt Boissieu in seinen radierten Landschaften und Bildnissen sowie fein nuancierten Pinsel- und Kreidezeichnungen eine vom Naturstudium genährte Wirklichkeitsnähe, die auf eine von akademischen Normen unabhängige, bürgerliche Kunstauffassung verweist.
„Aus dem über 100.000 Arbeiten umfassenden Bestand unserer Graphischen Sammlung haben wir als Auftakt zum Jubiläumsjahr etwas Besonderes ausgesucht: eine Ausstellung, die Johann Friedrich Städel als kenntnisreichen Kunstsammler thematisiert und darüber hinaus unserem Publikum einen virtuosen Zeichner und Druckgrafiker näherbringen will“, sagt Museumsdirektor Max Hollein.
„Der reiche Bestand an Radierungen und Zeichnungen Boissieus in der Sammlung Johann Friedrich Städels zeugt vom Geschmack des Frankfurter Bankiers und Gewürzhändlers, der als Sammler nicht nur herausragende Werke alter Meister erwarb, sondern ebenso an zeitgenössischer Kunst interessiert war“, sagt Dr. Jutta Schütt, Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750 des Städel Museums.
Der 1736 in Lyon geborene Jean-Jacques de Boissieu konzentrierte sich in seiner künstlerischen Arbeit auf Zeichnungen und Radierungen. So entstanden insgesamt etwa 1.000 Zeichnungen sowie 151 Radierungen; Gemälde hingegen sind von ihm nur wenige überliefert. Boissieu, der aus einer Familie des niederen südfranzösischen Adels stammte und dessen Vater, ein Arzt, bereits in seiner frühen Kindheit verstarb, besuchte in seiner Heimatstadt Lyon eine kostenlose Zeichenschule, deren Ausbildung der ansässigen Seidenindustrie diente. Zum Radieren animierte ihn ein Kunsthändler der Stadt. Da Boissieu keine Kunstakademie besucht hatte, wurde er zu seiner Zeit als Amateur bezeichnet. Die politisch und gesellschaftlich turbulenten Zeiten rund um die Französische Revolution haben im Werk Boissieus keine Spuren hinterlassen. Sein Œuvre umfasst eher bürgerlich-private Sujets und Motivthemen wie Landschaften, Bildnisse und Porträts von Familienmitgliedern sowie alltägliche und verallgemeinernde Genredarstellungen.
Die Präsentation in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung eröffnet mit einem Selbstporträt des damals 60-jährigen Künstlers, einer 1796 entstandenen Radierung in zwei Fassungen: Die erste zeigt Boisseu mit dem Bildnis der Ehefrau in Händen, in der späteren ist dieses einer ländlichen Idylle gewichen. Das Selbstverständnis des Künstlers, der sein Leben nicht in der Hauptstadt Paris, sondern in der damals nach ihr zweitgrößten Stadt Frankreichs, in Lyon, verbrachte, wurzelt in der Familie und der Region seiner Heimat. In der Ausstellung werden diese beiden Stränge zum einen durch Bildnisse wie das gezeichnete Porträt des jüngeren Bruders (um 1781), aber auch durch ein Motiv wie Seifenblasen (1799) unterstrichen, das an seine Söhne erinnern mag. Zum anderen sind es topografische Ansichten der Stadt Lyon und ihrer landschaftlichen Umgebung, darunter die Radierung Ansicht der Rhône-Brücke in Lyon (1761), die beispielhaft neben einem ein Jahr zuvor ausgeführten Aquarell ausgestellt wird. Die malerische Zeichnung des Bauwerks, die Licht- und Schattenverteilung und die damit erzeugte atmosphärische Wirkung zeugen von eigenständiger Qualität.
Neben der Landschaft stehen Bildnis und Genre im Zentrum der Kunst von Boissieus Werk. Ein Blatt etwa versammelt individuell-prägnante Gesichter und Bildnisse bekannter und unbekannter Personen ‒ physiognomische Studien, die ihre Entsprechung in den zeitgleich entstehenden Veröffentlichungen des Schweizer Philosophen und Autors Johann Caspar Lavater (1741–1801) finden. Die Genreszenen berühren den zeitgenössischen Alltag der Region und handeln vom Zuhören (Der Oboist, 1782) und Zuschauen (Bildnis des Hundertjährigen aus Lyon, 1780), vom Lehren und Lernen (Die Schulklasse, 1780), vom Geben und Nehmen (Der Almosen gebende Alte, 1780), von Arbeit und Handwerk (Die großen Küfer, 1790), vom Ausruhen und Spielen, von Jugend und Alter. Neben diesen vorrangig bürgerlich-privaten Bildthemen finden sich in der Präsentation nur vereinzelt Radierungen, die ein herausragendes, aktuelles Ereignis wie den Aufenthalt von Papst Pius VII. in Lyon im Jahr 1804 festhalten.
In der Ausstellung sind mit Grafiken wie der Radierung Die großen Gaukler (1772) nach einem Gemälde Karel Dujardins (um 1622–1678) schließlich auch Adaptionen von Werken niederländischer Künstler des 17. Jahrhunderts zu sehen, die jedoch keine Reproduktionsgrafiken im üblichen Verständnis, sondern weitestgehend freie Umsetzungen sind. Bereits am Beispiel seiner schon 1758 unter dem Titel Griffonnements (Kritzeleien) verlegten kleinen Radierungen von Köpfen und szenisch zusammengestellten Figuren, die in der Ausstellung zu sehen sind, wird die Orientierung Boissieus an der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts deutlich, die ganz dem wachsenden Interesse seiner Zeit an dieser Epoche entspricht.
Jean-Jacques de Boissieu zählt zu den letzten großen Druckgrafikern des 18. Jahrhunderts. Obwohl er den Großteil seines Lebens in Lyon verbrachte, vernetzte er sich bestens mit verschiedenen Verlegern unter anderem in Paris, aber auch in Nürnberg und Mannheim und genoss zeitlebens hohes Ansehen. Hierauf lassen unter anderem seine Mitgliedschaften beim Institut de France in Paris und bei den Akademien von Lyon, Florenz und Bologna schließen. Nach einem längeren Aufenthalt in Paris zwischen 1762 und 1764, wo er einflussreiche Künstler wie Jean-Baptiste Greuze (1725–1805) oder Sammler wie Pierre-Jean Mariette (1694–1774) kennenlernte, reiste Boissieu in den Jahren 1765 und 1766 im Gefolge des Herzogs de La Rochefoucauld (1743–1792) nach Genua, Neapel und Rom. Während dieser Zeit begegnete er vielen richtungsweisenden Persönlichkeiten seiner Zeit wie dem Philosophen und Autor Voltaire (1694–1778) oder dem Archäologen und Kunstschriftsteller Johann Joachim Winckelmann (1717–1768). Während seiner Reise hielt er die Eindrücke mit dem Pinsel fest, wobei die sich im Licht entfaltende Landschaft im Zentrum stand. Fortan griff er in seinen Arbeiten immer wieder auf diese italienischen Naturstudien zurück, die ihm als direkte Vorlagen oder als Erinnerungsstützen für Radierungen von frei komponierten Landschaften dienten. Auch Stiftungsgründer Johann Friedrich Städel konnte eine dieser begehrten italienischen Pinselzeichnungen Boissieus (Ruine des Apollotempels am Ufer des Averner Sees, 1765) erwerben, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.
Im Anschluss an seine Italienreise kehrte Boissieu ins heimatliche Lyon zurück und wurde 1771 königlicher Beamter, was ihm bis zum Ausbruch der Französischen Revolution ein regelmäßiges Einkommen sicherte. Boissieus adelige Abstammung, die ihm zunächst viele Türen geöffnet hatte, wurde nun zu einer lebensgefährlichen Bedrohung. Eine offizielle Bescheinigung aus Paris stellte ihn und seine Werke jedoch schließlich unter Schutz.
1801 publizierte der 65-jährige Boissieu ein Werkverzeichnis seiner Radierungen, von dem Johann Friedrich Städel ein handschriftlich vom Künstler ergänztes Exemplar erwarb, das auch in der Ausstellung zu sehen sein wird. Nach wenigen Jahren der frühen Zusammenarbeit mit verschiedenen Pariser Verlegern hatte Boissieu den Vertrieb seiner Druckgrafik bereits 1764 selbst in die Hand genommen. Erst im Alter, ab 1807, ließ er seine Werke wieder durch Verleger, nun durch Frauenholz in Nürnberg oder Artaria in Mannheim, vertreten. Es ist anzunehmen, dass Städel durch diese deutschen Händler beliefert wurde. Ob der Sammler jemals in persönlichem Kontakt zu dem von ihm geschätzten Künstler stand, ist nicht bekannt. Es spricht jedoch für den Geschmack und den Weitblick des Frankfurter Bürgers, einen französischen Zeitgenossen, der seinen eigenen künstlerischen Weg ging, in das Ensemble seiner Sammlung aufgenommen zu haben. Städel und Boissieu sind durch eine weitere Gemeinsamkeit verbunden: Auch Boissieu besaß eine eigene Kunstsammlung. Als Künstler, Sammler und Kunstkenner wurde Boissieu 1803 gar in die Kommission zur Einrichtung des Museums in Lyon berufen. So verbindet die beiden Zeitgenossen auch die Maßgeblichkeit ihrer Rolle bei einer Museumsgründung.
Jean-Jacques de Boissieu. Ein Zeitgenosse Städels
Kuratorin: Dr. Jutta Schütt, Leiterin Graphische Sammlung ab 1750
Ausstellungsdauer: 11. Februar bis 10. Mai 2015
Pressevorbesichtigung: Dienstag, 10. Februar 2015, 11.00 Uhr
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Besucherdienst: +49(0)69-605098-232, besucherdienst@staedelmuseum.de
Öffnungszeiten Städel Museum:
bis 10. März 2015: Di, Mi, Sa, So und Feiertage 10.00–18.00 Uhr; Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
ab 11. März 2015: Di, Mi, Sa, So und Feiertage 10.00–19.00 Uhr, Do und Fr 10.00 –21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: 3. April, 5. April und 6. April 2015 10.00–19.00 Uhr;
1. Mai 2015 10.00–19.00 Uhr
Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 10 Euro, Familienticket 20 Euro; freier Eintritt für Kinder bis zu 12 Jahren; Sa, So und Feiertage 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Familienticket 24 Euro.
Ab dem 11. März 2015 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Familienkarte 24 Euro; freier Eintritt für Kinder bis zu 12 Jahren; Gruppen ab 10 Personen: ermäßigter Eintrittspreis pro Person. Für Gruppen ist eine Anmeldung unter +49(0)69-605098-200 oder info@staedelmuseum.de erforderlich.
Kartenvorverkauf unter: tickets.staedelmuseum.de
Öffnungszeiten Studiensaal der Graphischen Sammlung: Mi, Fr 14.00–17.00 Uhr; Do 14.00–19.00 Uhr
Überblicksführungen durch die Ausstellung: Fr 19.00 Uhr, So 15.00 Uhr
Sonderführungen auf Anfrage unter: +49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de
Weitere Programmangebote unter www.staedelmuseum.de
Digitale Angebote im Städel Museum
200 Jahre Städel: Daten & Fakten
1815 & 2015: Die Jubiläumswand
200 JAHRE STÄDEL
„DAS FRANKFURTER BÜRGERMUSEUM: EIN GESCHENK FÜR ALLE“ –DEUTSCHLANDS ÄLTESTE BÜRGERLICHE MUSEUMSSTIFTUNG FEIERT JUBILÄUMSJAHR MIT HOCHKARÄTIGEN AUSSTELLUNGEN, EINEM GROSSEN BÜRGERFEST, BEDEUTENDEN SAMMLUNGSERWEITERUNGEN UND EINEM MASSIVEN AUSBAU SEINES VERMITTLUNGSPROGRAMMS IM DIGITALEN BEREICH.
Dem 1815 gegründeten Städel Museum steht ein ereignisreiches Jahr bevor. Deutschlands älteste bürgerliche Museumsstiftung feiert „200 Jahre Städel“. Unter dem Motto „Das Frankfurter Bürgermuseum: Ein Geschenk für alle“ präsentiert sich das Städel zum Jubiläum mit einer Vielzahl hochkarätiger Sonderausstellungen – von Claude Monet bis John Baldessari –, einem massiven Ausbau seines digitalen Vermittlungsprogramms sowie maßgeblichen Sammlungserweiterungen und neuen Publikationen. Am 15. März 2015, dem Tag, an dem sich die Gründung der Stiftung zum 200. Mal jährt, feiert das Städel zudem ein großes Bürgerfest mit freiem Eintritt und zahlreichen Angeboten rund um das Museum.
Den Auftakt zum Jubiläumsjahr bilden zwei ganz besondere Geburtstagsgeschenke: Die Vorsitzende des Städelschen Museums-Vereins, Sylvia von Metzler, überreichte Städel-Direktor Max Hollein sowie dem Städel-Administrationsvorsitzenden Nikolaus Schweickart heute das um 1596/97 entstandene Gemälde Himmelfahrt Mariens von Guido Reni (1575–1642) sowie eine kostbare Zeichnung von Edgar Degas (1834–1917). Während der Erwerb des Reni-Gemäldes einer erfolgreichen Spendenaktion der Mitglieder des Städelschen Museums-Vereins zu verdanken ist, wurde Degas’ Studie eines Aktes (Étude de Nu) (um 1888–1892) durch die großzügige Einzelspende einer Frankfurter Mäzenin ermöglicht. Der Ankauf dieser beiden bedeutenden Werke schließt zwei Lücken in der 700 Jahre Kunstgeschichte umfassenden Sammlung des Städel und ist zugleich Vorbote für ein Jubiläumsjahr, in dem das Frankfurter Bürgermuseum seine nunmehr 200-jährige Tradition des mäzenatischen Engagements durch zahlreiche weitere Schenkungen, Spenden und Förderungen, die noch im Laufe des Jubiläumsjahres 2015 separat öffentlich gemacht werden, erfolgreich fortsetzen wird.
Was Johann Friedrich Städel (1728–1816) hinterließ, kann als ausgesprochen großzügiges und weitsichtiges Geschenk verstanden werden. Am 15. März 1815 unterzeichnete der Frankfurter Bankier und Kaufmann die dritte und letzte Version seines Testaments, in dem er sein gesamtes Vermögen und seine Kunstsammlung der nach ihm zu benennenden Stiftung „Städelsches Kunstinstitut“ vermachte. Neben den immensen materiellen sowie kunsthistorischen Werten setzte der Stifter damit eine visionäre Idee in Umlauf, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Als bedeutendste kulturelle bürgerliche Stiftung in Deutschland steht das Städel beispielhaft für ein breites bürgerschaftliches Engagement, das auch heute ganz wesentlich zur Erhaltung und Entwicklung dieser Kulturinstitution beiträgt. Aus der Leidenschaft eines einzelnen Bürgers wurde so durch das Engagement vieler eine umfassende und hochwertige Sammlung vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart hervor, eines der renommiertesten Museen in Europa und ein zentraler Bestandteil der Frankfurter Bürgergesellschaft.
Zur Veranschaulichung der Gründungsvision – aber auch der heutigen Verfasstheit und Bedeutung des Museums – hat das Städel eine Jubiläumswand für sein zentrales Treppenhaus konzipiert. Auf über 50 m² wird dort das Gründungsjahr 1815 dem Jubiläumsjahr 2015 gegenübergestellt: Wie sah die Städelsche Sammlung 1815 aus und welche Besucher kamen in Johann Friedrich Städels Wohnhaus, um seine Kunst zu bestaunen? Welchen Umfang hat die Sammlung des Städel Museums heute – und auf welche Arten kann man sie erleben? Was hat sich in den 200 Jahren grundlegend verändert und was ist gleich geblieben? Anhand von historischen und anekdotischen Beispielen, numerischen Gegenüberstellungen und visuellen Eindrücken gibt die Jubiläumswand Einblicke in die Anfänge und Gegenwart von Deutschlands ältester bürgerlicher Museumsstiftung.
Darüber hinaus feiert das Städel sein Jubiläum mit einer Vielzahl groß angelegter Forschungs- und Ausstellungsprojekte. Zu den Höhenpunkten zählt die Sonderausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ (11. März bis 21. Juni 2015) mit rund 100 Meisterwerken von Claude Monet, Auguste Renoir, Édouard Manet, Edgar Degas, Alfred Sisley, Paul Cézanne u. a. sowie eine Gruppenausstellung zur figurativen Malerei der BRD der 80er Jahre („Die 80er“, 22. Juli bis 18. Oktober 2015). Die für den Herbst konzipierte Jubiläumsausstellung „Dialog der Meisterwerke. Hoher Besuch zum Jubiläum“ (7. Oktober 2015 bis 24. Januar 2016) wird an rund 80 ausgewählten Positionen in allen Sammlungsbereichen des Städel zentrale Werke aus der Städelschen Sammlung mit Meisterwerken und Pendants aus den renommiertesten Museen der Welt zusammenbringen und so temporäre, spektakuläre „Partnerschaften“ sowie lang ersehnte „Zusammenkünfte“ ermöglichen. Die Ausstellung wird von einer Vortragsreihe der Städel-Kuratoren zur Geschichte der Sammlung begleitet, die Eröffnungsrede der Ausstellung hält Daniel Kehlmann. Ab dem 5. November zeigt das Städel zusätzlich im Ausstellungshaus eine ganz besondere Werkreihe des US-amerikanischen Konzept- und Medienkünstlers John Baldessari. Seine eigens für das Städel konzipierte Serie basiert auf Werkvorlagen aus der Sammlung: Meisterwerke von Lucas Cranach d. Ä., Agnolo Bronzino, Dirck van Baburen oder Maria Lassnig dienen dabei als visuelles Material für die großformatigen Bildcollagen des weltberühmten Künstlers (bis 24. Januar 2016).
Das 200-jährige Bestehen des Städel Museums ist Anlass für die älteste bürgerliche Museumsstiftung Deutschlands, sowohl ihr vielfältiges Vermittlungsprogramm als auch das Erlebnis Museumsbesuch völlig neu zu definieren. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung des Alltags ist die Erweiterung des Bildungsauftrags in den digitalen Raum ein zentraler Baustein für das Frankfurter Museum. Hierzu hat das Städel zahlreiche Initiativen angestoßen, die im Lauf des Jubiläumsjahres öffentlich werden: So wird derzeit eine umfassende digitale Exponate-Plattform zum ebenso intelligenten wie intuitiven „Schlendern“ durch die Sammlung umgesetzt, es werden innovative und edukative Computerspiele für Kinder realisiert, Online-Kunstgeschichtskurse in Kooperation mit der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, der Prototyp eines völlig neuartigen digitalen Kunstbuches entwickelt sowie mit dem bereits gestarteten digitalen Vermittlungsangebot des „Digitorials“ eine zeitgemäße Vorbereitung von Ausstellungsbesuchen ermöglicht. Ab Februar 2015 können Besucher des Städel zudem flächendeckend im gesamten Gebäude und rund um das Städel kostenfreies WIFI nutzen und z. B. die ab März erhältliche Städel App herunterladen, den Audioguide auf ihrem eigenen Device hören oder auch einfach ihre Erlebnisse aus dem Museumsbesuch festhalten und auf den zahlreichen Social-Media-Kanälen teilen. In einer ebenfalls neu konzipierten Digitalen Kunstkammer gibt es im Museum die Möglichkeit, vor Ort neben dem Medientisch auch die Exponate-Plattform sowie das Appgame für Kinder auszuprobieren.
Zusätzlich zu den neuen digitalen Formaten erscheint im März im Prestel Verlag die Festschrift „…zum Besten hiesiger Stadt und Bürgerschaft. 200 Jahre Städel“. Neben Texten von Max Hollein („Räume und Zeiten. Die Sammlung des Städel Museums“) und Jochen Sander („Johann Friedrich Städel als Gemälde-sammler“) schreibt darin Thomas Gaehtgens (Direktor des Getty Research Institute in Los Angeles) über die Entwicklung des Städel Museums von Johann Friedrich Städels Stiftung zur europäischen Institution; Florian Illies widmet sich in einem Essay dem Thema „Geschmackssache“; der Schriftsteller Martin Mosebach spekuliert über die Persönlichkeit des Stifters; Isabel Pfeiffer-Poensgen (Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder) behandelt die Bedeutung und Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements für Kunst und Kultur in Deutschland; Christoph Stölzl (Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar) schreibt über die Stiftung als Ausdruck bürgerlichen Eigensinns und Wolfgang Ullrich (Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und Prorektor für Forschung) berichtet über Museen und Social Media.
Ein von Tim Sommer (Chefredakteur, art – Das Kunstmagazin) moderiertes Gespräch mit Sylvia von Metzler, Nikolaus Schweickart und Felix Semmelroth (Kulturdezernent Frankfurt am Main) thematisiert zudem ehrenamtliches Engagement, Vergangenheit und Zukunft des Städel Museums und die Bedeutung der Stiftung in und für Frankfurt. Die Publikation wird von einer Bildstrecke der Frankfurter Fotografin Katrin Binner eingeleitet.
200 JAHRE STÄDEL
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Besucherdienst: +49(0)69-605098-232, besucherdienst@staedelmuseum.de
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa und So 10.00–18.00 Uhr, Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
Kartenvorverkauf unter: tickets.staedelmuseum.de
Social Media: Das Städel Museum kommuniziert das Jubiläum in den sozialen Medien mit dem Hashtag #200jahrestaedel
Medienpartner: 3sat, Fraport AG, Media Frankfurt GmbH, Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main
Kulturpartner: hr2-kultur
GESCHENK DES STÄDELSCHEN MUSEUMS-VEREINS: STÄDEL ERHÄLT ZUM JUBILÄUM BEDEUTENDE WERKE VON GUIDO RENI UND EDGAR DEGAS
GUIDO RENI (1575–1642), HIMMELFAHRT MARIENS, UM 1596/97; EDGAR DEGAS (1834–1917), STUDIE EINES AKTES (ÉTUDE DE NU), UM 1888–1892
Mit zwei außergewöhnlichen Neuzugängen startet das 1815 gegründete Städel Museum in sein Jubiläumsjahr: Das Frankfurter Museum erhält das um 1596/97 entstandene Gemälde Himmelfahrt Mariens von Guido Reni (1575–1642) sowie die kostbare Zeichnung Studie eines Aktes (Étude de Nu) (um 1888–1892) von Edgar Degas (1834–1917). Beide Arbeiten kommen als besondere Geburtstagsgeschenke des Städelschen Museums-Vereins ans Haus. Die Ankaufsmittel für Renis Himmelfahrt wurden vollständig durch eine erfolgreiche Spendenkampagne und das außerordentliche Engagement zahlreicher Mitglieder des 1899 gegründeten Vereins akquiriert. Der Erwerb der Degas-Zeichnung wurde durch eine großzügige Einzelspende einer Mäzenin ermöglicht.
Renis Himmelfahrt Mariens schließt in der Altmeister-Sammlung des Städel eine Lücke im Bereich der italienischen Malerei des Frühbarock. Die auf Kupfer gemalte Preziose zählt zu den wenigen erhaltenen Frühwerken Renis, dem für die Entwicklung der Barockmalerei in Bologna und Rom eine Schlüsselrolle zukommt und dessen Œuvre die allgemeine Vorstellung des italienischen Barock bis heute nachhaltig prägt. Degas’ Studie eines Aktes (Étude de Nu) stammt aus der letzten Schaffensphase des Künstlers und ist ein bedeutender Meilenstein auf dem Weg in die Kunst der Moderne des 20. Jahrhunderts. Die Arbeit stellt eine wertvolle Erweiterung für den Bestand französischer Zeichnungen des 19. Jahrhunderts in der Graphischen Sammlung des Städel Museums dar.
„Die kontinuierliche Erweiterung der Städelschen Sammlung ist eines der Hauptziele unseres Vereins. Seit Bestehen hat der 1899 gegründete Museums-Verein schon über 1.000 Ankäufe namhafter Kunstwerke ermöglicht. Wir sind sehr stolz und glücklich, dass es uns nun – dank der außergewöhnlichen Unterstützung zahlreicher Mitglieder – gelungen ist, dem Städel zum 200. Geburtstag diesen großen Wunsch zu erfüllen“, kommentiert Sylvia von Metzler, Vorsitzende des Städelschen Museums-Vereins.
„Die Entwicklung der Sammlung des Städel baut seit 200 Jahren auf dem mäzenatischen Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger auf. Die beiden jüngsten Erwerbungen sind nicht nur hochkarätige Zugänge für unsere Sammlung und maßgeblichen Werke der europäischen Kunstgeschichte, sondern zugleich ein eindrucksvolles Zeichen des gelebten Mäzenatentums. Der Städelsche Museums-Verein und seine Mitglieder sind so aktiv wie nie zuvor – ich empfinde dafür allergrößte Hochachtung und Dankbarkeit“, freut sich Städel-Direktor Max Hollein.
Während die Spendenkampagne zum Erwerb des Gemäldes von Guido Reni auf die großzügige Unterstützung von Fritz und Waltraud Mayer, Ibeth Biermann, Dieter und Ingrid Seydler sowie zahlreiche weitere Groß- und Kleinspenden von Vereinsmitgliedern und fördernden Institutionen zählen konnte, wurde die Degas-Zeichnung durch eine Einzelspende einer Frankfurter Mäzenin ermöglicht. Das Gesamtvolumen beider Ankäufe beträgt rund zwei Millionen Euro.
GUIDO RENI (1575–1642)
HIMMELFAHRT MARIENS, UM 1596/97
ÖL AUF KUPFER, 58 X 44,4 CM
Guido Reni galt im 17. Jahrhundert als einer der erfolgreichsten und gefeiertsten europäischen Maler. Seine Kunst war bei namhaften Auftraggebern aus Adel und Klerus äußerst begehrt. Insbesondere hat Renis künstlerischer Einfluss Spuren in der religiösen Bildwelt der europäischen Malerei hinterlassen, die er über die Epoche des Barock hinaus grundlegend verändert und geprägt hat.
Renis um 1596/97 entstandenes Gemälde zeigt in der Bildmitte Maria. Sie ist von Engeln umgeben und in den kanonischen Farben gemalt – mit rotem Gewand, blauem Mantel und weißem Schleier. Maria schwebt auf einem immateriellen Thron aus Wolken, die Arme weit ausgebreitet, den Blick in der für Reni typischen Weise verklärt zum Himmel emporgerichtet. In der Kunstgeschichte wird diese Art der Darstellung als der „himmelnde Blick“ bezeichnet. Er sollte in den folgenden Jahren zu Renis Markenzeichen werden.
Ein goldenes Strahlen erfüllt den Bildraum. Der himmlische Charakter des Lichtes deutet auf Gottvater hin, der Maria in den Himmel aufnehmen wird. Einen Ausgangspunkt für Renis Komposition stellten insbesondere die beiden großen Altarbilder der Himmelfahrt Mariens (1592–1594) von Annibale Carracci (1560–1609) und seinem Bruder Agostino Carracci (1557–1602) dar, die heute in der Pinacoteca Nazionale zu Bologna verwahrt werden. Diese entstanden wenige Jahre vor Renis Bild und lieferten motivische Anregungen für die mit ausgebreiteten Armen auf dem Wolkenthron sitzende Maria und die sie umgebenden Engel. Reni interpretiert das Bildthema jedoch grundlegend anders und revolutioniert dabei die Darstellungsweise des Motivs. Das an der Hochrenaissance, vor allem am späten Raffael geschulte Pathos der dramatischen Auffahrt Mariens übersetzt Reni in ein sanftes Emporschweben voll poetischer Harmonie und in einen klaren, an geometrischen Formen ausgerichteten Bildaufbau. So bilden die drei Hauptfiguren, Maria und die beiden großen Engel im Vordergrund, ein gleichschenkliges Dreieck. Die später in der Barockmalerei bevorzugten, in sich kreisenden Ovalkompositionen scheinen in Renis Werk bereits vorweggenommen. In der Art seiner Gestaltung verkörpert das Bild die Epochenwende vom späten Manierismus zum Frühbarock.
„Renis Himmelfahrt Mariens ist ein Meister- und Schlüsselwerk des italienischen Barock. Im Städel wird es nach mehr als vier Jahrhunderten in Privatbesitz nun erstmals in seiner Geschichte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“, freut sich Bastian Eclercy, Sammlungsleiter für italienische, französische und spanische Malerei bis 1800 am Städel Museum.
Die Provenienz des Bildes lässt sich lückenlos bis in die Lebenszeit des Künstlers zurückverfolgen. Bereits sein früher Biograf Carlo Cesare Malvasia (1616–1693) bezeugte 1678 unter den frühesten Gemälden Renis eine auf Kupfer gemalte Himmelfahrt Mariens in der Sammlung Sampieri in Bologna, die mit dem Städel-Gemälde identisch sein muss. Auftraggeber dürfte der Jurist Astorre di Vincenzo Sampieri gewesen sein, der als Kanoniker des Doms San Pietro in Bologna tätig war und eine bedeutende Kunstsammlung besaß. Über Jahrhunderte in der Familie weitervererbt, gelangte das Gemälde 1811 in die Sammlung von Eugène de Beauharnais, dem Vizekönig Napoleons und späteren Herzog von Leuchtenberg. In München wurde die hochkarätige Sammlung Leuchtenberg 1851 von Johann David Passavant (1787–1861) katalogisiert und erstmals im Kupferstich reproduziert. 1917 erwarb der Stockholmer Händler Nordiska das Werk; von dort gelangte es ab 1925 in die Sammlung von Rudolph Poeschel, wo es bis 1961 bezeugt ist. Noch im selben Jahr ging die Himmelfahrt Mariens durch Versteigerung in Schweizer Privatbesitz über. 2013 schließlich erwarb sie der Londoner Altmeisterhändler Jean-Luc Baroni auf einer Auktion bei Koller in Zürich, um sie 2014 an den Städelschen Museums-Verein zu verkaufen. Mit der Erwerbung der Himmelfahrt Mariens kann das Städel nun durch ein weiteres bedeutendes Werk der Schlüsselstellung Italiens in der Geschichte der Barockmalerei gerecht werden. Einen Anknüpfungspunkt für das neu erworbene Meisterwerk im großen Italiener-Saal des Städel bietet ein etwas später entstandenes Gemälde Renis, Christus an der Geißelsäule (1604). Bezüge gibt es auch zum jüngsten Neuzugang bei den Alten Meistern, Jusepe de Riberas Heiligem Jakobus dem Älteren, der einer Schenkung der Mäzenin Dagmar Westberg zu verdanken ist. Durch diese glückliche Koinzidenz ist das Städel nun erstmals in der Lage, die beiden maßgeblichen Wurzeln der europäischen Barockmalerei an zwei Spitzenwerken vor Augen zu führen: Riberas Jakobus steht dabei für die Schule Caravaggios, Renis frühe Himmelfahrt Mariens hingegen für die Akademie der Carracci und die Reform der Malerei um 1600.
EDGAR DEGAS (1834–1917)
STUDIE EINES AKTES (ÉTUDE DE NU), UM 1888–1892
KOHLE UND PASTELLKREIDE AUF PAPIER, 55,8 X 36,8 CM
Edgar Degas zählt zu den bedeutendsten französischen Künstlern im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Weltberühmt für seine Porträts, Ballett- und Jockeyszenen, für badende und ihr Haar kämmende Frauen, gilt der 1834 in Paris geborene Künstler als ein Vorreiter der Moderne. In der für das Städel Museum erworbenen Zeichnung wählt Degas für die Darstellung seines Bildmotivs eine Nahsicht auf den weiblichen Körper, stellt sein Modell dabei jedoch nicht zur Schau. Vielmehr führt er mit seiner Studie die für seine Kunst typische Qualität einer distanzierten Darstellung an ihre Grenzen. Ihm gelingt ein besonderes Zusammenspiel von respektvoller Beobachtung und sinnlicher Auffassung. Von diesem späten Akt des Künstlers geht unausweichlich der Eindruck plastischer Präsenz und geballter Energie aus. Degas nimmt seinem Akt dabei jegliche Individualität und gewinnt aus der Form eine unmittelbare Ausdruckskraft von klassischem Rang. „Edgar Degas wiederholte immer wieder bestimmte Schlüsselthemen. Seine Vorgehensweise kann man als einen Prozess der steten Intensivierung seiner künstlerischen Erfahrungen bezeichnen. Die in die Jahre um 1888 bis 1892 zu datierende Aktzeichnung verweist den Betrachter sowohl auf seine Gemälde als auch auf seine plastische Arbeit und kann so für den ganzen Degas stehen“, sagt Jutta Schütt, Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750 am Städel Museum.
Das Werk ist mit dem Stempel des Degas-Nachlasses („Lugt 658“) versehen. Es befand sich bis zum Tod des Künstlers 1917 in seinem Atelier und wurde auf der Auktion des künstlerischen Nachlasses im Jahr 1918 versteigert. Danach befand es sich abwechselnd in Privatsammlungen und im Kunsthandel in Belgien, New York (1949), London und Kalifornien (seit 1981). Die Graphische Sammlung des Städel Museums verfügt über einen kleinen, jedoch höchst qualitätvollen Bestand französischer Zeichnungen des 19. Jahrhunderts, der zu den besten in Deutschland zählt. Edgar Degas war bislang mit der frühen Zeichnung Bildnis der Madame Gaujelin (1867) und der Monotypie Repos sur le lit (um 1876/77) vertreten. Die Neuerwerbung ist in Kürze zu den regulären Öffnungszeiten des Studiensaals der Graphischen Sammlung für interessierte Besucher zugänglich.
DER STÄDELSCHE MUSEUMS-VEREIN
Der Städelsche Museums-Verein, durch den beide Ankäufe realisiert werden konnten, fördert seit 1899 die Museen. In ihm engagieren sich über 7.600 Mitglieder für das Städel Museum und darüber hinaus auch für die Liebieghaus Skulpturensammlung. Zu den zentralen Aufgaben des Städelschen Museums-Vereins zählt der kontinuierliche Ausbau der Sammlungen durch den Ankauf von Kunstwerken. Seit seiner Gründung konnten durch den Verein bereits über 1.000 Werke für das Städel erworben werden.
200 JAHRE STÄDEL
Mit der Niederschrift seines Testaments legte Johann Friedrich Städel im Jahr 1815 den Grundstein für Deutschlands älteste bürgerliche Museumsstiftung. Dieser geschichtsträchtige Tag jährt sich am 15. März 2015 zum 200. Mal. Das Städel feiert sein Jubiläum das ganze Jahr hindurch mit einer Vielzahl von hochkarätigen Ausstellungs- und Forschungsprojekten, zahlreichen bedeutenden Erwerbungen und Sammlungserweiterungen, einem großen Bürgerfest sowie einem massiven Ausbau seines Vermittlungsprogrammes, besonders im digitalen Bereich.
Städel Museum
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Besucherdienst: +49(0)69-605098-232, besucherdienst@staedelmuseum.de
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten des Museums: Di, Mi, Sa und So 10.00–18.00 Uhr, Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
Öffnungszeiten der Graphischen Sammlung: Mi 14.00–17.00 Uhr, Do 14.00–19.00 Uhr,
Fr 14.00–17.00 Uhr
200 Jahre Städel: Das Ausstellungsprogramm
Veranstaltungsprogramm Februar 2015
In Vorbereitung auf eine umfangreiche Sonderausstellung zur figurativen Malerei in der BRD der 1980er-Jahre, die im Sommer 2015 im Städel Museum stattfinden wird, veranstaltet das Städel am 24. Januar 2015 ein hochkarätig besetztes Symposium. Akteure und Wegbegleiter der deutschen Kunstszene der 1980er beleuchten in Vorträgen, Interviews und Diskussionsrunden die wieder aufkommende figurative Malerei jener Dekade, eine Kunst, die sich durch ihre ungezügelte Wucht und Kompromisslosigkeit auszeichnet. Zu den Teilnehmern des Symposiums zählen Künstler wie Helmut Middendorf, Salomé, Peter Bömmels oder Bettina Semmer sowie Galeristen und Kunsthistoriker wie Zdenek Felix, Walter Grasskamp, Max Hetzler und Ingrid Raab. Die rauschhaften Tage und Nächte außerhalb der Gemeinschaftsateliers und Galerien nehmen Contemporary Fine Arts-Chef Bruno Brunnet (ehemaliger Kellner im Exil), Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), Michel Würthle (Gründer der Paris Bar) und Klaus-Dieter Brennecke (SO36-Mitbegründer) in den Blick. Der Tag klingt mit einem DJ-Set von Markus Oehlen aus.
Das Symposium wird aus verschiedenen Perspektiven die spannenden Entwicklungen einer Malergeneration betrachten, die Ende der 1970er-Jahre in den Zentren Berlin, Hamburg und Köln erstmals für Aufsehen sorgte und nur wenige Jahre später international größte Erfolge feierte. Die Veranstaltung liefert mit der Beteiligung verschiedenster Experten und Zeitgenossen Impulse für eine facettenreiche Diskussion dieser wichtigen Phase der deutschen Kunstgeschichte, deren Ergebnisse Eingang finden werden in die Ausstellung „Die 80er. Figurative Malerei in der BRD“ im Städel. Das Symposium findet am Samstag, 24. Januar 2015, ab 14.00 Uhr im Metzler-Saal des Städel Museums statt. Der Eintrittspreis beträgt 14 Euro, ermäßigt 12 Euro. Um Anmeldung unter info@staedelmuseum.de wird gebeten. Das Symposium wird filmisch dokumentiert sowie auf Twitter live mit dem Hashtag #staedel80er begleitet.
In einem einführenden Vortrag wird der Kurator und Kunsthistoriker Zdenek Felix einen Rückblick auf die Malerei der 1980er-Jahre werfen und nach über 30 Jahren eine profunde Zwischenbilanz dieser künstlerischen Entwicklungen ziehen. Als Kurator der Ausstellung 10 junge Künstler aus Deutschland im Folkwang Museum in Essen zeigte er 1982 Werke der Kölner Künstler um die Mülheimer Freiheit sowie Arbeiten der Künstler der Berliner Galerie am Moritzplatz. Mit der späteren Präsentation Wahrheit ist Arbeit (1984), ebenfalls im Folkwang Museum, präsentierte er auch die Künstler Martin Kippenberger, Werner Büttner und Albert Oehlen und zeigte somit bereits sehr früh die drei wichtigsten Positionen der neuen figurativen Malerei, die sich ab Ende der 1970er-Jahre in Deutschland entwickelten, im Museumskontext.
In einer Diskussionsrunde, geleitet von Martin Engler (Sammlungsleiter Gegenwartskunst und Kurator der Ausstellung, Städel Museum), erörtern unter anderem die Galeristen Max Hetzler und Ingrid Raab sowie der Kunsthistoriker Walter Grasskamp die Wiederentdeckung und Neubewertung dieser noch immer wenig erforschten Epoche der deutschen Nachkriegsmalerei. Gemeinsam werden die Hintergründe und die Anfänge dieser Kunstentwicklung nachvollzogen.
In Künstlergesprächen reflektieren Bettina Semmer, Helmut Middendorf, Salomé, G. L. Gabriel und Peter Bömmels den Entstehungskontext und die Wirkung ihrer Werke. Außerdem wird es ein „Kneipengespräch“ mit Bruno Brunnet geben, der in den 1980er-Jahren bei dem Schriftsteller und Gastronomen Oswald Wiener als Kellner im Berliner Exil arbeitete und heute zu den erfolgreichsten deutschen Galeristen zählt. Er wird sich mit Michel Würthle, Sammler und Gründer der berühmten Paris Bar in Berlin, mit Blixa Bargeld, dem Frontman der deutschen Musikgruppe Einstürzende Neubauten und Klaus-Dieter Brennecke, ehemals Anteilseigner des Berliner Musikclubs SO36 unterhalten.
Der Blick dieser Zeitgenossen zeichnet die Interaktionen der verschiedenen Protagonisten aus der Kunst- und Musikszene nach und eröffnet weitere Perspektiven auf die Künstlerpersönlichkeiten dieser Zeit. So erlebte parallel zur Malerei Ende der 1970er-Jahre auch die Musik in Deutschland mit der entstehenden Stilrichtung des New Wave eine völlig neue Ausrichtung. Viele Künstler spielten in Bands oder verbanden ihre Performances mit Musik. In der Malerei werden diese Verquickungen vor allem in den Bildern der Künstler der Galerie am Moritzplatz sichtbar. Das Symposium endet mit einem DJ-Set von Markus Oehlen.
Das Symposium findet in Vorbereitung auf die vom 22. Juli bis 18. Oktober 2015 stattfindende Ausstellung „Die 80er. Figurative Malerei in der BRD“ statt. Trotz eines immer wieder proklamierten „Endes der Malerei“ entwickelte sich in den späten 1970er-Jahren nahezu parallel in Hamburg, Berlin und Köln eine figurative Malerei. Junge Maler ganz unterschiedlicher Richtungen schufen Bilder, die sich nicht an kunsthistorischen Stilen, Ismen und Gruppierungen orientierten. In einer Kombination aus Grenzüberschreitung, Nihilismus und Humor feierten sie die Wiederentdeckung der Malerei und widmeten sich subjektiv und direkt ihrer unmittelbaren Gegenwart. Innerhalb weniger Jahre wurde jene Generation von Malern nicht nur in Deutschland, sondern international rezipiert. Die Ausstellung zeigt rund 80 Werke von circa 20 Künstlern und macht die Dynamik dieser Malerei in ihrer ganzen Komplexität und Differenziertheit sichtbar.
Es sprechen u. a.: Jean-Christophe Ammann, Blixa Bargeld, Klaus-Dieter Brennecke, Bruno Brunnet, Peter Bömmels, Martin Engler, Harald Falckenberg, Zdenek Felix, Walter Grasskamp, Max Hetzler, Max Hollein, Friedhelm Hütte, Franziska Leuthäußer, Helmut Middendorf, Ingrid Raab, Salomé, Bettina Semmer, Michel Würthle und G. L. Gabriel-Thieler.
Symposium "Die 80er. Figurative Malerei in der BRD"
Samstag, 24. Januar 2015, ab 14.00 Uhr
Information: www.staedelmuseum.de, info@staedelmuseum.de,
Telefon +49(0)69-605098-0, Fax +49(0)69-605098-111
Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Eintritt: 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Anmeldungen unter info@staedelmuseum.de oder
Telefon +49(0)69-605098-200
Hashtag: #staedel80er
Änderungen vorbehalten.
Das vollständige Programm finden Sie auf www.staedelmuseum.de
Dagmar Westberg feiert heute ihren 100. Geburtstag im Städel Museum. Aus diesem Anlass hat die langjährige Förderin des Städel und Gründerin der Dagmar-Westberg-Stiftung dem Frankfurter Museum ein äußerst kostbares und kunsthistorisch bedeutsames Werk für seine Altmeister-Sammlung gestiftet: das um 1615/16 entstandene Gemälde „Der Heilige Jakobus der Ältere“ von Jusepe de Ribera (1591–1652). Ribera zählt zu den wichtigsten Malern des 17. Jahrhunderts und vereint die künstlerischen Errungenschaften zweier europäischer Schulen in einer Person. In der Provinz Valencia geboren, kann er als der bedeutendste spanische Maler neben Diego Velázquez (1599–1660) gelten, doch verbrachte er sein ganzes Künstlerleben in Italien – zunächst in Rom, danach im spanischen Vizekönigtum Neapel – und gehört damit auch zu den einflussreichsten Malern des italienischen Barock. Im Städel Museum hängt das Meisterwerk ab sofort im großen Italiener-Saal und ist damit, nach vier Jahrhunderten in Privatbesitz, erstmalig und endgültig in einer öffentlichen Sammlung zu besichtigen.
„Seit nunmehr fast 200 Jahren lebt das Städel Museum vom Engagement einzelner Bürgerinnen und Bürger. Dieser Traditionslinie folgend ist Dagmar Westberg ein leuchtendes Vorbild und eine in jeder Hinsicht herausragende Persönlichkeit, der wir zu größtem Dank verpflichtet sind. Ihre Schenkung des ‚Heiligen Jakobus des Älteren‘ von Ribera kann ohne Zweifel als Meilenstein in der langen Sammlungsgeschichte des Hauses angesehen werden. Ein schöneres Geschenk – zumal aus dem besonderen Anlass ihres 100. Geburtstages – hätten wir uns nicht träumen lassen können. Wir sind glücklich und stolz, dass Frau Westberg ihren Ehrentag im und mit dem Städel feiert“, so Städel-Direktor Max Hollein.
Die 1914 in Hamburg geborene und in Frankfurt lebende Dagmar Westberg ist eine der bedeutendsten Mäzenatinnen des Frankfurter Städel Museums. Bereits in den vergangenen Jahren nahm die Förderin ihre Geburtstage zum Anlass, um das Städel mit Spenden und wichtigen Zuwendungen zu unterstützen. So stiftete Westberg unter anderem 2008 den Altar des „Meisters der von Grooteschen Anbetung“, ein Triptychon aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts, das zu den bedeutendsten niederländischen Werken seiner Zeit zählt. 2013 ermöglichte Dagmar Westberg dem Museum die Erwerbung einer seltenen Lithographie von Francisco Goya sowie einer Druckgraphik von Edvard Munch. Darüber hinaus unterstützt sie mit Mitteln der Dagmar-Westberg-Stiftung regelmäßig wichtige Ankäufe für die Graphische Sammlung des Städel. In den vergangenen Jahren wurden u. a. Zeichnungen von Carl Spitzweg, Max Klinger, Henri Michaux und Almut Heise sowie druckgraphische Werke von Max Beckmann, Candida Höfer, Tacita Dean und Paul Morrison erworben. Ebenso setzt sich Frau Westberg für die allgemeinen Belange des Städel ein und hat eine immerwährende Patenschaft für einen Saal in der Altmeister-Abteilung übernommen.
Aus einer baltisch-hamburgischen Unternehmerfamilie stammend arbeitete Dagmar Westberg mehrere Jahrzehnte für die amerikanischen Generalkonsulate in Hamburg, Berlin und seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Frankfurt am Main. Bereits ihr Großonkel Oskar Troplowitz, Erfinder von Produkten wie Leukoplast, Hansaplast, Tesa-Klebeband und Nivea, der die Firma Beiersdorf zum Erfolg führte, war ein großer Kunstmäzen und vermachte der Hamburger Kunsthalle 26 Gemälde, darunter Hauptwerke französischer und deutscher Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts wie Auguste Renoir, Alfred Sisley, Pablo Picasso oder Max Liebermann. Seine Großnichte Dagmar Westberg setzt diese Tradition fort. Neben dem Städel Museum unterstützt die Mäzenatin mit großem persönlichem Engagement zahlreiche weitere soziale, kulturelle und Bildungsprojekte. Zu den von ihr geförderten Einrichtungen und Stiftungen zählen das Frankfurter Mädchenhaus FeM, die Cronstetten-Stiftung, das „German Summer Work Program“ an der Princeton University sowie die Goethe-Universität Frankfurt am Main. 2008 wurde ihr Engagement durch die Verleihung der Georg-August-Zinn-Medaille des Landes Hessen ausgezeichnet.
Jusepe de Ribera (Játiva 1591 – 1652 Neapel)
Der Heilige Jakobus der Ältere, um 1615/16
Daten und Fakten
Das für das Städel Museum erworbene Gemälde zeigt den Apostel Jakobus den Älteren im stattlichen Format von 133,1 x 99,1 cm, das den für die römische Malerei charakteristischen Maßen einer sog. tela d’imperatore („Kaiserleinwand“) entspricht. In dem Werk tritt dem Betrachter eine monumentale Halbfigur von geradezu skulpturaler Präsenz entgegen. Der Apostel steht vor einer dunklen Wand und wird durch einen sich darauf markant abzeichnenden Lichtkegel von links oben beleuchtet – eine Lichtsituation, wie sie für Caravaggio und seine Nachfolger typisch ist. In der Rechten hält er mit fester Hand sein Attribut, den langen Pilgerstab, mit der vor den Körper gehaltenen linken Hand umklammert er ein Buch. Auf sein Pilgertum verweist auch das im Licht aufglänzende Abzeichen aus zwei kleinen, sich überkreuzenden Pilgerstäben, das er sich oberhalb der Brust ans Gewand geheftet hat. Die von Wetter und Arbeit gegerbten, im Wortsinne zupackenden Hände des Jakobus sind in einem geradezu provozierenden Naturalismus wiedergegeben, den Caravaggio kurz zuvor in die Kunst eingeführt hat. Sein Gewand, eine hellgraue Tunika und darüber ein leuchtend roter Mantel, ist nicht reich an Verzierung, wohl aber an Volumen. In einer großen Bahn hat Jakobus den Mantel über die linke Schulter gelegt und rafft ihn mit der linken Hand, sodass der kräftige Stoff ein aufwendig geformtes Gebirge von Falten ausbildet. Durch Licht und Schatten gewinnt das beinahe abstrakte Faltenmuster des Stoffes an wuchtiger Plastizität. Die leichte, aber merkliche Drehung des Körpers mit der Wendung der linken Schulter zum Betrachter und die Gegenläufigkeit der Arme und Hände verleihen der Figur ein dynamisches Moment. Die Monumentalität der Haltung, der wie schützend vor den Körper gelegte Arm und das dem Betrachter plastisch entgegendrängende Faltenwerk verstärken die Präsenz des Apostels bei seinem Auftritt auf der Bühne des Bildes.
Die besondere Kunst Riberas zeigt sich in der Art und Weise, wie er diese Wucht in der Figur selbst wieder relativiert. Es ist das sanft zur Seite geneigte Haupt des Jakobus, das noch eine andere Facette des Heiligen ins Spiel bringt. Ribera setzt den Kopf besonders in Szene, indem er ihn als einzigen Teil der Figur direkt im Lichtkegel platziert und zusätzlich noch mit einer Lichtaureole hinterfängt. Frontal blickt der Apostel aus tiefdunklen, glänzenden Augen auf den Betrachter, den Mund leicht geöffnet. Alles an diesem Antlitz ist fein, edel und elegant – der Schwung der Lippen, die Konturen der Ohren und die bewegten Strähnen des braun gelockten Haares. Die Sanftheit des Gesichtes steht in subtilem Kontrast zum kraftvollen Ausdruck des Körpers. Diese Ambivalenz zwischen Auftritt und Erscheinung, zwischen Präsenz und Entrückung kennzeichnet das Gemälde als ein feinsinnig durchdachtes Meisterwerk des frühen Ribera. Das Gemälde ist gegen Ende seines Aufenthalts in Rom in den Jahren um 1615/16 entstanden, kurz bevor Ribera nach Neapel aufbrach und sich dort für den Rest seines Lebens niederließ.
Kunsthistorische Einordnung
Zunächst war das Gemälde dem sogenannten „Meister des Salomourteils“ zugewiesen worden, der sich inzwischen als Fiktion der Forschung entpuppt hat. Seit 1978 wird es in der Literatur überzeugend und einhellig als Frühwerk Riberas geführt und hat Eingang in alle einschlägigen Werkverzeichnisse gefunden. Die Qualität von Konzeption und malerischer Ausführung des in sehr gutem Erhaltungszustand überkommenen Bildes ist herausragend. Die Autorschaft Riberas belegt insbesondere der stilistische Vergleich mit für Ribera gesicherten Werken wie den „Heiligen Petrus und Paulus“ in Straßburg, dem „Heiligen Sebastian“ in Osuna und dem „Reuigen Petrus“ in New York, die in Gesichtsbildung und Faltenmodellierung dem Apostel Jakobus bis ins handschriftliche Detail äußerst nahestehen. Eine um 1630 entstandene Darstellung desselben Heiligen im Prado zeigt eindrucksvoll, wie Ribera etwa 15 Jahre später in einer anderen Stilphase auf sein Frühwerk zurückgegriffen hat. Eine bedeutsame Stellung kommt dem Bild jedoch nicht nur innerhalb des Œuvres des spanischen Meisters zu, sondern auch bezüglich seiner Rezeption durch die Zeitgenossen. Sogar der acht Jahre jüngere Diego Velázquez dürfte für seinen im Musée des Beaux-Arts in Orléans bewahrten „Heiligen Thomas“, der nur wenige Jahre später entstand, wesentliche Anregungen von Riberas Gemälde empfangen haben.
Provenienz
In Rom führte der junge Maler nach Ausweis der Quellen ein bohemienhaftes Leben und machte sich mit seiner Kunst rasch einen Namen. So sind Riberas Bilder in Inventaren einiger der vermögendsten römischen Sammler nachweisbar. Der als Mäzen Caravaggios bekannte Vincenzo Giustiniani etwa besaß allein 13 Werke des Spaniers. Giustiniani muss demnach mit Ribera in engem Kontakt gestanden und ihn ähnlich hoch geschätzt haben wie Caravaggio, dessen Bilder am zahlreichsten im Inventar vertreten sind. Besagtes Inventar erwähnt auch einen Heiligen Jakobus den Älteren von der Hand Riberas im Format der tela d’imperatore, der mit dem Frankfurter Bild identisch sein könnte. Im 20. Jahrhundert wurde der Jakobus durch eine Reihe von Besitzerwechseln sammlungsgeschichtlich aktenkundig. 1924 auf einer Auktion bei Leo Schidlof in Wien angeboten, ist er im Katalog erstmals bezeugt. 1927 wurde er in Berlin im Rahmen einer Ausstellung des Antiquitätenhauses Wertheim gezeigt; als Besitzer gibt der Katalog Ernst Lang an. Aus der Sammlung des in Asch ansässigen Ernst Adler erwarb der Privatsammler Ernst Seifert das Bild 1929 in Berlin auf einer Auktion bei Rudolph Lepke. Seifert behielt es über die Kriegsjahre fast drei Jahrzehnte und verkaufte es 1958 an den Münchener Kunsthändler Julius Harry Böhler. Dieser veräußerte es 1964 an eine Familie, aus deren Sammlung es die Kunsthandlung Bernheimer-Colnaghi kürzlich übernahm. Dort erwarb 2014 schließlich die Frankfurter Mäzenatin Dagmar Westberg das Gemälde, um es dem Städel Museum am 8. Dezember als Schenkung aus Anlass ihres 100. Geburtstages zu übergeben.
Einordnung in die Städelsche Sammlung und Rezeption
Im Städel schließt die Schenkung eine Lücke in der Altmeister-Sammlung. Gerade die Ursprünge der europäischen Barockmalerei, die in Italien in den Jahrzehnten um 1600 liegen, waren in der bürgerlichen Sammlung nur unzureichend vertreten. Einen ersten wichtigen Schritt bedeutete die Schenkung einer Madonna des Guercino (um 1621/22) aus der Sammlung Beaucamp 2010. Vielfältige Verbindungen lassen sich auch zu Guido Renis caravaggeskem „Christus an der Geißelsäule“ (1604), Dirck van Baburens „Singendem jungen Mann“ (1622) und Massimo Stanziones „Susanna und die beiden Alten“ (um 1630/35) knüpfen.
„Mit Riberas Jakobus ist ein herausragendes Beispiel der frühen Caravaggio-Rezeption in die Sammlung gelangt, das einen eindrucksvollen Akzent im großen Italiener-Saal setzt. Ein Bild, vor dem man stehenbleibt“, kommentiert Bastian Eclercy, Sammlungsleiter für italienische, französische und spanische Malerei vor 1800 im Städel Museum, die Schenkung.
Die großen Museen der Welt bewahren Riberas Werke, allen voran der Prado in Madrid und das Museo di Capodimonte in Neapel. Im Frankfurter Städel bedeutete das Fehlen eines Gemäldes des Künstlers bislang eine schmerzliche Lücke. Besonders vermisst wurde ein frühes Werk Riberas aus der stark von seiner Begegnung mit der Kunst Caravaggios geprägten Periode. Mindestens vier Jahre lang, von etwa 1612 bis 1616, hielt sich der Anfang Zwanzigjährige in Rom auf und geriet dort in den Bann jenes Meisters der Hell-Dunkel-Malerei und des Naturstudiums. Nur wenige Schriftquellen erhellen diese Werkphase Riberas, die erst in jüngster Zeit die verdiente Aufmerksamkeit der Forschung und des Publikums gefunden hat, insbesondere durch eine große Ausstellung in Madrid und Neapel 2011/12. Die Forschung erhielt dadurch einen regelrechten Schub, und so ist Riberas Frühwerk derzeit eines der am intensivsten diskutierten Themen in der Literatur zum italienischen Barock. Für Aufmerksamkeit sorgten dabei unter anderem im Jahr 2012 die Erwerbung eines großformatigen Ribera-Leinwandbildes des „Reuigen Petrus“ (um 1612/13) durch das Metropolitan Museum in New York und im selben Jahr der Ankauf von Riberas „Johannes Evangelista“ (um 1608) durch den Louvre in Paris. Mit dem Neuzugang durch die Schenkung von Dagmar Westberg ist das Städel jetzt in der glücklichen Lage, sich an dieser ganz aktuellen Diskussion mit einem gewichtigen Beitrag beteiligen zu können.
Bildangaben:
Jusepe de Ribera (Játiva 1591 – 1652 Neapel)
Der Heilige Jakobus der Ältere, um 1615/16
Öl auf Leinwand, 133,1 x 99,1 cm
Frankfurt am Main, Städel Museum
Gestiftet 2014 von Frau Dagmar Westberg, Frankfurt am Main
Städel Museum
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Ort: Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa und So 10.00–18.00 Uhr, Do und Fr 10.00–21.00 Uhr
Sonderöffnungszeiten: 24.12.2014 geschlossen, 25.12. und 26.12.2014 10.00–18.00 Uhr, 31.12.2014 geschlossen, 1.1.2015 11.00–18.00 Uhr
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